Fünfzig Notizen zum Exzess des Indirekten

  1. Dieses Mal geht’s nur mit Notizen.
  1. Die Überfülle an Verweisen, das Gelesene, das seinerseits prall ist von Gelesenem und Erfundenem, weckt die Sehnsucht nach Leere, Einfachheit, Stille.
  1. Die Notiz als Gegengift.
  1. Denn die Vernetzung ist auch ein Fluch, nicht nur ein Segen. Dazu gehört, dass ich schon bei der Lektüre des Titels «Die Farbe des Projekts» im Text von Sebastien Fanzun nach Farben zu suchen beginne: Blau kommt vor, ein silbernes Rauschen. Aber darum geht es nicht. Farbig ist, was strahlt, in der Luft, von jenem Weltraumprojekt, von dem Duvalier berichtet. Die Farbe als Abglanz, Indiz unterschiedlichster Ahnungen.
  1. Duvalier gibt es nicht, oder es gibt ihn nur als die Erfindung, als Alter Ego jenes Ichs, das den Text geschrieben haben soll, auch wenn dieses Ich selbst nur eine Erfindung ist. Diese Erfindung schenkt Duvalier ihr Ohr: Er spricht durch sie.
  1. Oder eher: Duvalier lässt (sehr kultiviert) raus, was ihn entfernt, aber doch sehr bestimmt, etwas angeht. Doch wird dieses Entfernte vom Ich (von welchem auch immer) erst auf ihn losgelassen. Das sollte man wohl nicht vergessen.
  1. In der letzten delirium-Nummer trat Duvalier auch als Autor auf. Aber jetzt glauben wir wissen zu dürfen, was wir damals nur zu wissen glaubten: Duvalier ist ein Pseudonym. Hier nun aber gibt sich Duvalier als Figur zu erkennen, die immer wieder einen anderen Namen trägt. Dabei bleiben ihm seine Namen – die in einem strengen Sinne nicht seine sind, weil sie ihm nicht gehören und weil er umgekehrt auf sie nicht hört, sich durch sie höchstens belästigt und bedrängt fühlt – fremd. Von all den Namen kennen wir nur ‹Duvalier› und auch den (und erst recht denjenigen, für den er stehen soll) kennen wir nicht wirklich: Denn wer ist er, Duvalier, der mit seinen (und seinem) – oder eben nicht seinen (und seinem) – Namen selbst bereits solche Mühe hat?
  1. Und schon sind wir mittendrin.
  1. Die Lektüre als temporärer Aufenthalt in einem paranoiden Alles-hat-etwas-zu-bedeuten-Universum (oder einem Alles-wird-sich-verlieren-Universum).
  1. Mein Problem: Ich mag solche Universen (eigentlich) nicht. Ich werde deshalb auch den Verlockungen der Verweislast (gibt es dieses Wort schon?) nicht weiter nachgehen.
  1. Zwischendurch der Gedanke, man könnte der Überfülle des Dargebotenen, um nicht zu sagen, dem Wahnsystem, das auf Vervielfältigung möglicher Bezüge beruht, in der Kritik oder Replik ein alternatives, reduktives Wahnsystem an die Seite stellen.
  1. Die Notizen nummerieren.
  1. Oder andere Bremsen einbauen. Vielleicht so: den gelesenen Text, die Textvorlage mal ganz willkürlich mit Adjektiven auf ‹i› charakterisieren.
  1. Das geht besser, als zunächst gedacht:
  1. indirekt, intensiv, intelligent, inszeniert, insinuierend, intertextuell, impertinent, irre.
  1. Auf der Hand liegt auch: ironisch. Aber das will doch nicht so recht passen. Ein riesiges Fass müsste man da aufmachen.
  1. Das Entscheidende ist das Indirekte: Das Indirekte, ein Stilmerkmal nicht nur dieses Textes von Fanzun, sondern auch von einigen (vielen? allen?) anderen. Das Indirekte als – pathetisch gesagt – Rettung des Textes.
  1. Und geht es am Ende nicht eben genau darum: um das Strahlen, den Abglanz, die entfernte Erinnerung, das Gehörte? (Oder genauer: den Willen zur Distanz, Nietzsche sprach vom «Pathos der Distanz», diese Luft wird hier geatmet.)
  1. Die «Entfernung und die Liebe zu ihrer Unüberwindbarkeit», wie es im ersten Satz schon heisst, ist der konzeptuelle, ja fast möchte man sagen, ideologische Dreh- und Angelpunkt des Textes. Kann man so weit gehen?
  1. Vor gut fünfzig Jahren war es in der Literaturwissenschaft üblich, im ersten Satz eines Textes, gerne auch eines Romans, dessen ganze literarische Potenz angelegt zu sehen. Was folgt, entrollt sich daraus. Aus professioneller Einflussangst heraus sofort mein innerer Widerspruch: Stimmt das überhaupt – und stimmt es hier?
  1. Vielleicht stimmt es dann, wenn man berücksichtigt, dass dieser Text geradezu pedantisch in einem altertümlichen Deutsch geschrieben ist: Man hört, auch hier, Sebald (wenn’s verschachtelt und manieriert wird), man erinnert sich an Thomas Mann (wenn Bildung ausgepackt, aber auch ironisiert wird), ein Schuss Kafka (wenn’s extrem feinnervig und in der Übersteigerung dann schräg wird), Kleist (wenn Unwahrscheinlichkeit und Grossartigkeit zusammenfinden) und Rilke (wenn’s pathetisch, aber irgendwie auch schön wird). Dazu kommen: Science-Fiction (wenn die Sehnsucht nach dem All ruft), Homer (wenn’s um die Irrfahrten durch die Wirrnisse des Lebens geht), überhaupt die Antike (wenn die Ehrfurcht zuschlägt). Aber auch Thomas Bernhard (wenn’s exzessiv wird), Marcel Proust (wenn die Nöte des Alltags hinter dem Luxus der Erinnerung verschwinden) und Oscar Wilde (wenn Dandytum und Coolness aufscheinen). Aber alles ist von gestern, vorgestern, lange her.
  1. Oder ist der Text doch ganz heutig? Der Literaturhistoriker würde vielleicht sagen: Hier wird die Postmoderne durch eine Übermoderne (gibt’s den Begriff schon?) in Schach gehalten.
  1. Diese sehr merkwürdige Allianz von Umständlichkeit und Eleganz.
  1. Und ja: grossartig geschrieben!
  1. …aber doch alles von gestern, vorgestern, lange her?
  1. Schon, aber genau darum geht’s ja…
  1. Intensivierung durch Kultivierung von Distanz.
  1. Wenn man Formeln möchte, dann wäre das die Formel dieses Textes.
  1. Von intensiver Distanz handelt der Text nicht nur. Das ist nicht nur sein Thema, vermittelt über die Aussagen von Duvalier. Das ist auch seine Provokation gegenüber dem Leser, der Leserin. Mir scheint: Die Provokation funktioniert. Der Akzent ist immer doppelt: Etwas ist unglaublich weit entfernt, aber eben deshalb auch attraktiv. Einerseits.
  1. Andererseits: Der Wille zur Distanz ist hier Produktionsprinzip – Distanz wird nicht einfach erfahren, sondern hergestellt.
  1. Zum Beispiel – und in erster Linie – durch indirekte Rede.
  1. Aber auch durch die Tatsache, dass es eine beachtlich entfernte Vergangenheit ist, aus der heraus das Ich durch ihn, Duvalier, eine Ahnung bekommt.
  1. Oder durch die geographischen, ja nicht zuletzt astronomischen Distanzen.
  1. Oder die kaum abreissenden Verweise eben, die Verweise…
  1. Fast hätte ich vergessen zu schreiben: Man muss diesen Text wirklich lesen!
  1. Es nützt nichts, diese Kritik – oder überhaupt Kritiken – zu lesen, wenn man das ihnen Zugrundeliegende nicht liest.
  1. Die Kritik muss einen Text nicht erklären. Vielleicht kann sie das, und manchmal sollte sie es vielleicht. Aber sie muss es nicht.
  1. Schon gar nicht sollte eine Kritik einen Text ersetzen – wirklich vernichtend wäre eine Kritik nur dann.
  1. Der Traum von einer Kritik, die sich zu einem Text verhält, indem sie Pflöcke einschlägt, die mit ihm nicht direkt zu tun haben müssen. Eine indirekte Kritik also…
  1. Kritik als Urlaub: Sich frei machen von dem, was vorliegt.
  1. Aber bestenfalls vielleicht doch so, dass die Entfernung als Wertschätzung (Liebe wäre ein zu grosses Wort) verstanden werden kann: als aufschliessende Anerkennung – Lob?
  1. Sparen wir nicht damit: Die Farbe des Projekts ist grosse Prosa! Eine Wucht, anstrengend in der Lektüre, ja, aber belohnend durch wahnsinnig geschmeidige, filigran gebaute Sätze, die allerdings nachhallen, nachwirken, sich festhaken und dann so etwas wie eine innere Poesie, nicht mehr Prosa, lostreten.
  1. Doch wie gesagt, man muss schon selber lesen.
  1. Das schönste Wort: «Zusammenhangslosigkeit».
  1. Die berückendste Wiederholung: «natürlich» – achtmal. Ich nenne das den Kafka-Effekt: Sehr unwahrscheinliche Begebenheiten im Gestus der allergrössten Selbstverständlichkeit schildern: natürlich! Die Wirkung ist immer wieder erstaunlich.
  1. Der schrägste Einfall: der Esel zum Schluss (den möglichen Anspielungen auf die asinitas mögen andere nachgehen).
  1. Der faszinierendste Gedanke: dass Entfernungen sich umkehren lassen – «Er frage umgekehrt aber mich, ob ich mich an das Gefühl erinnere, man drehe dabei auf einmal nicht sich selbst, sondern die Entfernungen um, so dass man plötzlich sich zu erinnern glaube, was in der Tiefe liege und diese auf einmal heimatlicher scheine als ein Kontinent, dessen Existenz in ortloser Abdunkelung zu existieren aufgehört habe?» (Walter Benjamins Aura-Theorie mutet dagegen geradezu bieder an).
  1. Statt Indiskretion: Indirektion.
  1. Eine Form von Höflichkeit.

Sandor Zanetti

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: