Sonettenkranz ohne Sonette in stund zwölf Gedichten

 Noch nicht bereit, um in den ewigen Schatz der deutschen Dichtung einzugehen.

Der Editor

I

Durch das Fenster schaue ich auf
Ein Blatt das sich wiegt im Wind
Und das das Licht reflektiert je
Wie es liegt und sonst Schatten
Ich sehe durch dieses Blätterwerk
Ein Backsteinhaus mit Schornstein
Auf der Strasse einen Mann der im
Mantel gekleidet seinen Hund nach
Draussen führt ein Gitterzaun mit
Gusseiserner Verzierung zwischen
Ihm und dem Haus der Mann lacht er
Erzählt seinem Freund der neben
Ihm geht eine lustige Geschichte

 

 

II

Ihm geht eine lustige Geschichte
Durch den Kopf während er auf dem
Gehsteig geht aus dem Stegreif
Erzählt er sie seinem Freund der
Neben ihm geht und jetzt lachen
Muss obwohl er gar nicht zugehört
Hat sondern bloss die Zahl seiner
Schritte mit jener der Berührungen
Seiner Füsse auf dem Boden verglich
Und bemerkte seine Füsse waren ihm
Jeden Schritt einen Schritt voraus

 

 

III

Jeden Schritt einen Schritt voraus
Waren ihm seine Gedanken die über
Schranken sprangen wie die Füchse
Und Katzen in den Strassen durch
Die er ging im Wind im Licht am
Nachmittag das sich sammelte in
Den Schluchten zwischen Häusern
Sich spiegelte in Fenstern der
Läden und Krämer im Erdgeschoss
Die Augen schmerzlich geblendet
Von grellen Blitzen zersplittert

 

 

IV

Von grellen Blitzen zersplittert
Fallen im Kopf Reflexionen ein
Die Beine die beim Schreiten wie
Zirkel sich öffnen und schliessen
Kreise zu zeichnen auf den Boden
Unendlich viele Punkte um dasselbe
Zentrum in der Mitte ein Tänzer der
In schwarzen Hosen seine Füsse nicht
Mehr absetzt immer höher steigt in
Die leeren Quader der Häuserblöcke

 

 

V

Die leeren Quader der Häuserblöcke
Liegen unberührt in der kalten Luft
Des nahenden Abends der Düfte bringt
Von violetten Lavendelfeldern und zu
Geruch gewordener Arbeit in Küchen
Der ausfranst am Berührungspunkt von
Sonne und Schatten deren Linie sich
Langsam nieder senkt bis sie knapp
Über den Bodenplatten schweben bleibt
Die den Tanzchor der Nacht anstimmen

 

 

VI

Die den Tanzchor der Nacht anstimmen
Machen sich vor dem Spiegel bereit
Schminken sich schöne Augen und Lippen
Die sie einander bald zuwerfen werden
Kämmen sich die Haare fügsam in Form
Wählen mit Bedacht die Schuhe die sie
Durch den Abend gleiten lassen lachend
Ausgelassen die Schritte zimmern dort
Mit bestimmter Hand die Hände reichen
Und leichtfüssige Figuren beschreiben

 

 

VII

Und leichtfüssige Figuren beschreiben
Eine Stadt am Abend und zwei Freunde
Die sich Geschichten erzählen dieser
Stadt was sie gehört haben gestern und
Vor gestern einander buchstabieren bei
Anbruch einer neuen Geschichte die sie
Sich gewiss morgen erzählen werden in
Derselben Strasse auf demselben Steig
Der auf sie wartet sie empfängt wenn
Sie ihn erneut beschenken mit ihren
Klangabfolgen die aus Mündern strömen

 

 

VIII

Klangabfolgen die aus Mündern strömen
In Sturzbächen sich ins Flussbett des
Strassengitters legen Schutt und
Schotter mit sich führen der als
Kies abgetragen und an andern Stellen
Unter Gleise geschüttet wird auf denen
Güterzüge voller Kies vorüberdonnern
Um das Streckenende hinauszuzögern
In den Pausen staunend beschaut von
Armeen in verstaubter Arbeitskleidung

 

 

IX

Armeen in verstaubter Arbeitskleidung
Weissen Hemden und farbigen Kragen
Warten auf den Windstoss den Staub
Abzutragen auf frisches Wasser die
Kleider zu waschen klopfen sie vor
Dem Fenster ab die Sommerhitze treibt
Die Partikel zurück ins Haus wo sie
Sich auf Möbel und in Spalten sammeln
Sich zu grauen Ballen formen sie
Die im klaren Blau des Himmels baden
Wollen als flüchtig wirbelnde Punkte

 

 

X

Wollen als flüchtig wirbelnde Punkte
Vor der Netzhaut in Erinnerung wir
Bleiben fragt er seinen Freund und
Reisst ihn aus seinem Gedankenstrom
Er der die Frage nicht verstanden hat
Sagt ja auf jeden Fall ja dann biegen
Sie um die Ecke und ich kann sie nicht
Mehr hören und nicht mehr sehen von wo
Ich hier an meinem Schreibtisch sitze
Als Protokollant der Szenen draussen
Lasse meine Schädeldecke ein Tonabnehmer
Auf ihnen im Kreis um Schlittschuh laufen

 

 

XI

Auf ihnen im Kreis um Schlittschuh laufen
Sie mit Mützen und Schal dicken Jacken
Löcher in die Erde bis zum Rand mit Eis
Gefüllt genährt vom unsichtbaren Zustrom
Unter dem Boden sitze hier hauche
Meine Finger an die dank der Kälte
Kaum noch klimpern können ohne Heizung
Schmerzt auch der gebeugte Rücken
Ich schäme mich nicht das zu gestehen
Durch das Fenster schaue ich auf

 

 

XII

Durch das Fenster schaue ich auf
Ihm geht eine lustige Geschichte
Jeden Schritt einen Schritt voraus
Von grellen Blitzen zersplittert
Die leeren Quader der Häuserblöcke
Die den Tanzchor der Nacht anstimmen
Und leichtfüssige Figuren beschreiben
Klangabfolgen die aus Mündern strömen
Armeen in verstaubter Arbeitskleidung
Wollen als flüchtig wirbelnde Punkte
Auf ihnen im Kreis um Schlittschuh laufen

 

Carlo Spiller

Du möchtest mehr über Carlo Spiller wissen? Hier ist sein Einspieler aus der Vernissage von delirium N°6:

 

4 Kommentare

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