Tekeli-li Bd. 44: Horror im Tentakelwald

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Eine Kritik zu Janós Mosers Text Amazonen und Monster.

«Pass auf, ich spüre Gefahr.»

Vereinzelt zogen rote Wolken über den Himmel, während sich die Bäume des Tentakelwaldes im Wind wiegten. Aus der Ferne erklang ein heiseres Krächzen – eine Gruppe von gewaltigen Stachelechsen sonnte sich am Ufer des nahen Sees, dessen flache Wellen in der Sonne glitzerten. Bergspitzen ragten aus dem Horizont wie die Zinnen gewaltiger Schlösser. Im Sehschlitz des elektronischen Feldstechers wand sich eine Rauchsäule empor.

«Da, die Absturzstelle», flüsterte Zahïra, als sie das Gerät ihrem besorgten Begleiter in die Hand drückte und ihm die Richtung wies.

«In der Tat», antwortete Schryll. «Ich glaube auch, Trümmer zu erkennen.»

«Das sehn wir uns an. Aus der Nähe.»

«Wir sollten noch warten und uns aufs Beobachten beschränken, nur zur Sicherheit», sagte Schryll, doch die grosse Amazone hatte sich bereits erhoben. Ihre muskulösen Beine trugen sie in Windeseile den Abhang hinunter, an dessen Fuss der Tentakelwald begann. Ihre langen roten Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der auf und ab wippte. Der Insektoide seufzte resigniert. Zahïra stürzte sich mal wieder kopfüber ins Abenteuer, das kannte er schon, das würde wieder böse enden, sollen sie doch die Teufel holen! Er folgte ihr.

Tentakel-Äste tasteten sich scheu in Zahïras Richtung, als sie sich in Deckung der Bäume der Absturzstelle näherte, den Griff ihrer treuen Strahlenpistole fest in der Rechten. Ab und an strich ein Tentakel über den rauen Stoff ihres Schutzanzugs, nur um gleich wieder zurückzuzucken. Sofern man in Bewegung blieb, waren diese Pflanzen harmlos – wer aber dumm genug war, sich hier für ein Nickerchen in den Schatten zu legen, konnte eine böse Überraschung erleben. Schweiss stand auf Zahïras Stirn. Hinter sich hörte sie die Schritte von Schryll; das leise Anschleichen lag ihm noch immer nicht. Sie hob die Linke, um ihm anzuzeigen, dass er stehen bleiben und sich bedeckt halten solle. Dann überblickte sie im Schutz eines Baumstammes die Lichtung, die sich vor ihr auftat. Rauch stieg aus einem Krater von vielleicht zehn Metern Durchmesser; die Bäume ringsum waren angesengt, verletzte Tentakeläste wanden sich vor Schmerzen. Mitten aus der Absturzstelle ragte das Wrack einer Raumkapsel.

«Was meinst du, woher die stammt?», fragte Schryll.

«Weiss nicht. Vielleicht von einem Frachtschiff. Von Piraten runtergeschossen.»

«Oder ein Opfer der Grocks.»

Die Amazone und der Insektoide hielten sich noch immer in Deckung. Um sie herum schwangen Tentakel aggressiv hin und her – der Wald hatte sich vom ersten Schock erholt und geriet zunehmend in Aufruhr.

«Bisher ist noch keiner ausgestiegen», sagte Zahïra. «Es wird Zeit, dass wir nachsehen. Und dann von hier verschwinden.»

Der Strahl aus Zahïras Waffe frass sich durch den Stahl wie ein Messer durch Butter – nicht zum ersten Mal war die Sternenjägerin froh um ihre Pistole. Eine Spezialanfertigung, wie es sie im ganzen Sonnensystem kein zweites Mal gab.

«Versuchs jetzt», sagte sie zu Schryll. Tatsächlich gelang es ihm, die Luke aufzuwuchten. Mit einem gewaltigen Zischen explodierte giftgrüner Nebel ins Freie.

«Achtung!», brüllte Schryll. Mit seinen Heuschreckenbeinen sprang er sofort in Sicherheit, Zahïra hingegen wurde vom Nebel eingehüllt. Sie verlor die Balance und ihren Stand auf der Hülle der Rettungskapsel; die Sternenjägerin prallte hart auf dem Boden auf. Ein Hustenanfall schüttelte sie.

«Wie geht es dir?» Schryll war an ihre Seite geeilt.

«Mir ist schlecht», keuchte sie.

«Ich fürchte, das war eine Giftgasfalle», sagte Schryll. «So haben die Grocks mein Dorf ausgelöscht.»

«Ich bin aber nicht tot», stellte Zahïra fest.

«Bei meinem Dorf haben die Grocks ein halluzinogenes Gas eingesetzt. Die Folgen waren verheerend. Wieviele Finger halte ich hoch?»

Zahïra antwortete nicht, denn sie hatte das Bewusstsein verloren.

Als sie wieder zu sich kam, lag die Amazone auf einem alten und für sie viel zu kleinen Sofa. In ihrem Rücken konnte sie eine kaputte Feder spüren und in ihren Lungen die stickige Luft eines Wohnzimmers, das seit Äonen niemand mehr gelüftet hatte. Dicke Vorhänge hielten das Sonnenlicht draussen. Die Sternenjägerin blickte auf einen Schreibtisch, auf dessen Oberfläche sich Dokumente und Bücher bis zur Decke stapelten. In einer Ecke hatte sich ein Schimmelpilz ausgebreitet; Staubflusen bevölkerten die Holzdielen.

Ein Räuspern.

Zahïra rollte augenblicklich vom Sofa, kam auf die Füsse und hob die Strahlenpistole mit einer so flüssigen wie entschlossenen Bewegung. Staub wirbelte hoch. Erfasst vom Lauf der Waffe, hob ein dickliches Wesen die Hände. «Moment! Halt!»

Die Amazone hielt verduzt ein. Das Wesen, auf das sie ihre Pistole richtete, schien humanoid zu sein wie sie – allerdings war seine Haut blassrosa statt grün. Kleingewachsen war es, so dass es ihr gerade mal zum Bauchnabel reichte, dafür so dick wie eine Stachelechse. Die schütteren, wirren Haare standen vom Schädel ab, als wollten sie vor der grossen, fleischigen Nase flüchten. Die Kleidung erinnerte Zahïra an die Eunuchen des Marskaisers. Aber die Zähne waren in gutem Zustand. Dem Anschein nach war das Wesen männlich.

Zahïra senkte die Waffe, ohne allerdings ihre Angriffstellung aufzugeben.

«Wer zum Teufel bist du?»

Der rosa Kerl erholte sich von seinem Schock und räusperte sich erneut. «Gibt Acht, Zahïra, die Sternenjägerin. Ich bin dein Schöpfer! Meine Macht ist so gross, dass ich dich hierhin geholt habe, in meine Welt.»

Zahïra hob die Strahlenpistole und schoss dem selbsternannten Schöpfer in den Fuss. Er sackte brüllend zusammen. Die Sternenjägerin packte ihn beim Kragen und las ihn vom Boden auf, so dass seine Füsse in der Luft baummelten. Der rosa Kerl wimmerte.

«Genug der Witze. Wer bist du?»

Fortsetzung folgt.

Von Jonathan Stone

Gregor Schenker

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