Thyestes‘ Kinder

Wie nennt man Tagträume um zehn Uhr abends? Ich schrecke aus meinen Gedanken, als ich den Knall höre. Es ist nichts zu sehen: noch immer steht der Mond hell am Himmel und kleckert sein blasses Licht über die Landschaft, noch immer sitze ich auf meinem Fahrrad, einen Fuss auf dem Boden, der andere ruckelt auf dem Pedal hin und her, sodass Kette und Zahnräder immer wieder leise klicken wie der bedrohliche Lauf einer grausamen Maschine. Ich blicke auf die Uhr: Schon viel zu lang ist es her, dass Yasmin und Golo durch das offene Fenster im Schulhaus verschwanden. Die Zeit verstrich und nichts war geschehen, bis ich plötzlich den Knall hörte, der aus dem schummrig grauen Gebäude zu kommen schien. Eigentlich bin ich mir gar nicht so sicher, ob er überhaupt aus dem Gebäude kam. Schliesslich bin ich gerade noch durch die wüste Einöde meiner Gedanken gewandert, die jetzt noch wie nasse Wollfäden an mir kleben. Ich überlege kurz, ob ich hinterhergehen soll, aber ich hatte versprochen, hier Wache zu halten, für den Fall, dass jemand auftauchen würde. Der Knall war sicher nur Einbildung gewesen. Eigentlich hielt ich das ganze Vorhaben ohnehin für bescheuert, doch Yasmin wollte unbedingt ihre Hausarbeit zurück – oder zumindest Teile davon. Aus Zeitnot habe sie angefangen, Zitate zu erfinden. Angeblich sei sie nachts wach im Bett gelegen und habe immer wieder ihre Arbeit schreien gehört, sie wolle endlich abgegeben werden, also habe sie irgendwann kurzen Prozess gemacht, ihre Hauptthese mit falschen Zitaten belegt und abgegeben, um wieder schlafen zu können. Doch dann bekam sie Panik, dass der Betrug auffliegen würde, und jetzt sind wir hier: ich hier draussen und Yasmin und Golo irren irgendwo im Schulhaus herum, und suchen nach der Hausarbeit. Mein Handy vibriert. Eine Nachricht von den beiden? Doch als ich auf den Bildschirm blicke, ist es lediglich eine Eilmeldung meiner Tageszeitung. Dieser Typ, den sie den Literaturpapst nennen, ist gestorben. Hatte zu Hause in seinem Arbeitszimmer einen Schlaganfall, wurde von seiner Familie aber erst zwei Tage später entdeckt, weil alle dachten, er sei im Büro. Schon komisch: Erst vermisst ihn zwei Tage lang keiner und dann schwappt die Nachricht sturmflutartig über das Land. Ich muss mir unwillkürlich eine Gruppe dicker Kritiker vorstellen, die am Tisch laut schmatzend die aktuellsten Bücher verreisst, während sie ihre Fasanenhäppchen in Estragon-Sosse tunken. Apropos Kritiker: Vor ein paar Tagen habe ich diesen Blog abonniert, auf dem auch Kritiken geschrieben werden. Da behauptet einer, Literatur solle nicht sozialkritisch sein. Lustig, dass alle, die behaupten, Literatur zu mögen, sie irgendwie beherrschen wollen; Kaiser und so. Weil ich gerade ohnehin nichts Besseres zu tun habe, suche ich die Seite und beginne einen der Artikel zu lesen.

«Ich weiss nicht recht, was ich von diesem Text halten soll. Die von der Zeitschrift geforderten Bezüge liefert er nicht nur, er hat sie sich richtiggehend zum Programm gemacht, ja er klatscht sie dem Leser einen nach dem anderen ins Gesicht, wie um zu sagen: ‹Schaut her, wie albern eure Vorschriften sind›. Und so wirkt es nicht bloss wie pubertäres Aufbegehren gegen die redaktionelle Obrigkeit, nein, es kommt noch schlimmer: Der Autor greift Texte auf, um sie in zähflüssiger Handlungsarmut zu ertränken. Nachdem das Magazin in letzter Zeit endlich das trostlose In-sich-selbst-versunken-Sein früherer Ausgaben überwunden hatte, kommt hier einer und legt, auch hier in kindlicher Trotzigkeit, den Rückwärtsgang ein. Wobei die Handlung – so viel muss man dem Text lassen – nicht völlig abwesend ist; man bekommt als Leser nur nichts davon mit. Während die beiden Figuren Yasmin und Golo nämlich im Schulhaus unterwegs sind, um den Schwindel rückgängig zu machen, steht der Protagonist draussen, glotzt gelangweilt auf sein Mobiltelefon und langweilt damit auch die Leser*innen. Man sollte diesen Kerl von Enten totwatscheln lassen!»

So zieht sich das noch eine ganze Weile fort. Ich scrolle rasch nach unten, um zu sehen, wer den Artikel geschrieben hat: ein gewisser Raul Sobasa – komischer Name. Mir macht das Warten auf Golo und Yasmin ja auch keinen Spass, aber im Moment bleibt mir wohl nichts Anderes übrig, als hier herumzusitzen. Ich möchte gerade einen weiteren Artikel öffnen, als jemand um die Ecke kommt. Erst erkenne ich nichts Genaues, nur graue Umrisse, die im schwarzen Hintergrund versinken, doch dann zeichnet sich immer deutlicher ab, dass mir ein Einbeiniger in Uniform entgegenhumpelt. Erschrocken überlege ich, was ich tun soll, aber noch während ich überlege, spricht mich der Uniformierte an: «Was treibst Du denn hier mitten in der Nacht?» Weil mir nichts Besseres einfällt, entgegne ich, dass ich hier verabredet sei. Dann nehme ich meinen Mut zusammen und frage ihn, was ihn das angehe. Er erklärt mir, dass er hier der Nachtwächter sei. Ich muss mein Lachen unterdrücken: «Was? Es gibt immer noch Nachtwächter?» Er schaut mich entrüstet an. Natürlich, meint er, irgendjemand müsse ja nachts für Ruhe und Ordnung sorgen.

In diesem Moment sehe ich, wie Yasmin und Golo aus einem der vielen Fenster der Schule klettern. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen und den seltsamen Nachtwächter abzulenken, aber es ist zu spät, er hat sie bereits entdeckt. «Hey, ihr da!», ruft er und humpelt auf die Schule zu. Ohne lange zu zögern, laufe ich hinterher und remple den Einbeinigen so heftig an, dass er laut schreiend auf den Rasen, in ein Meer aus Kippen und ein paar Plastiktüten fällt. Ich sehe, wie die anderen beiden wegrennen, schnappe mir mein Fahrrad und trete so fest ich kann in die Pedale. Die beiden anderen treffe ich zwei Strassen weiter vor dem Kapri, einer jener heruntergekommenen Bars, in denen sich das Treibgut der Nacht so ansammelt, wieder. Wir beschliessen, hineinzugehen und dort abzuwarten, bis wir sicher sind, dass uns niemand sucht. Yasmin erzählt mir, dass alles geklappt habe: Das Lehrerzimmer sei offen gewesen und nach einiger Suche haben sie den Schreibtisch von Herrn Ellenbogen gefunden und die letzten beiden Seiten ihrer Hausarbeit ausgetauscht. Zum Beweis hält sie mir zwei dicht beschriebene Blätter unter die Nase. In meiner Tasche vibriert es: Eine SMS von meiner Mutter, die meint, ich solle mich mal melden und fragt, wann ich nach Hause komme. Ich antworte, dass ich gerade noch mitten in einer Geschichte stecke, von der ich nicht wisse, wie ich sie beenden soll.

Daniel Grohé

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