Am Anfang glaubte ich noch…

… aber dann: So kommt es mir vor wie der Besoffene, der spät nachts alle traulichen Gespräche störte und in wirren Sätzen eine Geschichte zu erzählen versuchte. Alle Anwesenden lachten über ihn – gutmütig, aber sie lachten. Warum auch nicht? Das war vor etwas über zehn Jahren  in einem winterlichen Wald hinter dem Uetliberg gewesen an einem nostalgischen Hippie-Fest am Feuer (Gott behüte, man hätte sich sonst zu Tode gefroren). Immerhin die psychedelische Musik war schön gewesen, die farbigen Lichter an den immergrünen Tannenästen und die gespenstisch schwarzen Stämmen im schimmernden Schnee – wie Weihnachten im Februar, und die Kostüme. Viele bunte Menschen mit ihrer Jekami-Toleranz, alle auf ihre Art verschieden, zumindest dem Aussehen nach, und sie wussten es bis zur Eitelkeit: Tanzen auf steinhart-gefrorenem Boden. – Der Besoffene sagte nur: „Jetzt lachst du noch, jetzt lachst du noch… aber dann…“ Und einer meinte, er solle sich am Riemen reissen. Das spornte den Besoffenen nur noch mehr an: „Reiss dich am Riemen…“ wiederholte er immer wieder. Und später hiess es dann nur noch: Reiss dich… oder dialektal: Rriissdi… und wurde zum running gag.

Wie dem auch sei: Eigentlich ging es damals im delirium um eine Diskussion über die Form – und um die formale Eigengesetzlichkeit von Gedichten; es ging um das Ringen, diese Formgesetze oder -regeln dingfest zu machen. Und zwar meint das, Formgesetze am Ding, d.h. am Gedicht, festzumachen, genauso wie die Formgesetze selbst als Ding festzumachen oder eben klar und deutlich zu bestimmen. Mithin ging es also um die Suche nach Urteilskriterien angesichts immer neuer ästhetischer Erscheinungen in der Lyrik. Und dies insbesondere bezogen auf den freien Vers, der mehr noch als gebundene Formen mit jeder Erscheinung von neuem vor der Frage nach dem Grund seiner spezifischen Erscheinungsform steht.

Man möge den Text noch einmal lesen, auch wenn er vertrackt ist (https://delirium-magazin.ch/2015/04/04/gedichte-formsache-oder-geschmacksfrage/). Ansonsten ist die Leitfrage bekannt: „Gedichte. Formsache oder Geschmacksfrage?“

Das ist nun nicht gerade zehn, aber immerhin drei Jahre oder sechs Ausgaben her. Und natürlich ist es eine späte Ehre, dass dieser Text aus der allerersten Ausgabe von delirium doch noch Resonanz gefunden hat – wenn auch auf irritierend nonchalante (geradezu bieder-banale) Weise. Carlo Spiller hat zumindest einen künstlerischen Versuch unternommen und den Bezug seines Gedichts „Sonettenkranz ohne Sonette in stund zwölf Gedichten“ zum Text aus delirium N°01 an der Vernissage auch explizit gemacht. Und das ging dann ungefähr so: „Wenn Fabian Schwitter sich so intensiv mit der Frage nach der Form in Gedichten befassen kann, dann kann ich das auch.“

Spiller hat gemacht, was delirium unter anderem fordert: eine künstlerische Antwort auf einen kritischen Text zu geben. Von der Diskussion über die Form blieb dann aber nicht mehr viel übrig. In ihrer Kritik schrieb Patrizia Huber über Spillers Versuch eines Pseudo-Sonettenkranzes: „Das Verdienst von Spillers Gedicht ist, dass Form gleichzeitig aufgebaut und zerstört wird.“ – Was soll’s. Wohl einfach eine weitere Spielerei. Und zwar deshalb:

Es ist schlicht und einfach kaum mehr zu erwarten. Zumindest, wenn ich mir den undefinierbar-grauen Hintergrund der ästhetisch-künstlerischen Gegenwart in Erinnerung rufe, zu der auch delirium – wohl oder übel – gehört. Und vor allem: von der delirium selbstverständlich auch beeinflusst ist. Der gängige Floskelschwachsinn im Schreiben (und Reden) über Literatur (und insbesondere Lyrik) hinsichtlich ihrer formalen Erscheinung ist kaum zu überbieten.

 

Zum Hintergrund: Einige Kostproben

Zum Einstieg vielleicht etwas Allgemeines zur offenbar nicht irrelevanten Frage nach der Qualität von Gedichten: Fragen wir also eine Lyrikerin nach ihren Kriterien für das Dichten im Allgemeinen – trotz geringer Sensibilität für die Frage nach der Form. Unter dem grossspurigen Titel „Wann ist ein Gedicht gut, und wann ist es bloss gut gemeint?“ steht im Tages-Anzeiger (http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Wann-ist-ein-Gedicht-gut-und-wann-ist-es-bloss-gut-gemeint-/story/23121443#mostPopularComment):

„Gute Gedichte bestehen aus Versen, nicht aus auseinandergeschnittener Prosa. Sie erwachsen aus ­poetischen Einfällen, nicht aus Vorsätzen. Sie führen eigene unverwechselbare Sprache vor, nicht das Jonglieren mit Klischees. Sie sind merkbar, nicht flüchtig; persönlich, nicht privat; formvollendet, nicht steril; unfertig, aber nicht schlampig. Gute Gedichte haben kein Wort zu viel und keines zu wenig; zeigen Haltung, ohne zu belehren; sind musikalisch, ohne auf reines Klangereignis hinauszulaufen. Und: Ich kann auf kleinstem Raum viel entdecken, verende aber nicht im Rätselraten.“

In vielen Worten besagt dies zum wiederholten Mal nicht viel mehr als: Gute Gedichte sind gute Gedichte. Ich kenne nur wenige Leute, die sich unbedingt form-un-vollendete Gedichte wünschen. Nur was zum Teufel heisst „formvollendet“? Formvollendet können Gedichte genauso sein, wenn alles passt, wie wenn nichts passt. Zu viele oder zu wenige Worte: Die richtigen Worte am richtigen Platz – die falschen Worte am falschen Platz. Wohl nicht nur seit der Moderne ist das eine Frage der jeweils wirksamen Ästhetik – und darüber hinaus bloss eine dialektische Proseminarübung zum Wort ‚gut‘ im Kontext der Ästhetik. Und überhaupt was heisst hier – als Gegensatz konzipiert – „steril“? Unfruchtbar vielleicht – in jeglichem Sinn? (http://www.duden.de/rechtschreibung/steril) Aber eigentlich meint die Dichterin ja ohnehin: „[E]s gibt keine «reinen» Kunstgesetze. Jeder Lyriker [sic!] würde die Frage [nach diesen Kunstgesetzen] anders beantworten.“ Wenn dem so ist, warum führt die Lyrikerin dann nicht einfach ihre eigenen Kunstgesetze an – diese scheint es nämlich immerhin zu geben, auch wenn sie nicht ‚rein‘ sind? So hätten wir wenigstens etwas vor uns, worüber sich diskutieren liesse. Stattdessen meint die Lyrikerin: „Beliebigkeit ist kein Merkmal von Qualität.“ Das würde ich zwar jederzeit unterschreiben, nur was anderes als eine beliebige Anhäufung von Allgemeinplätzen war denn ihr Essay? Sinngemäss: Ich zähle einmal auf, was ein gutes Gedicht ausmacht, obwohl es solche allgemeinen Bestimmungen gar nicht gibt… Und schon haben wir uns einmal mehr, wie Schweine im Schlamm, in der gegenwärtigen Vorliebe für paradoxe Gesten um ihrer selbst willen gesuhlt.

Wechseln wir die Seite und lassen einen Rezensenten, der Tom Schulz‘ Lyrikband „Lichtveränderung“ von 2015 in der NZZ beschreibt, zu Wort kommen (http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/libellentaenze-1.18601632):

„Es gibt aber auch Lyriker, die ihr Können immer wieder am Eigensinn ihres Wollens erproben, an einer Poetik, die nie ganz in Besitz genommen werden kann. Ihre Verse bleiben offen, dem Ungesicherten treu, dem Streben nach der nie zu erreichenden, endgültigen Form.“

Das leuchtet zwar angesichts gängiger Paradigmen in der Kunst und insbesondere in der Lyrik ein (mag hin und wieder sogar zutreffen, und manchmal ist es wohl einfach Faulheit), sagt in seiner Vagheit jedoch nichts. Umgekehrt ist es immerhin so, dass die Gedichte auf einer Seite stehen, wie sie eben stehen – insofern haben sie eine spezifische und ENDGÜLTIGE Form: nichts mehr von Offenheit. Ein kurzer Blick in den Gedichtband macht deutlich: Der Band ist in fünf Teile gegliedert, die jeweils eine spezifische (mehr oder weniger durchgehaltene) Erscheinungsform haben. Die Bandbreite reicht dabei von Prosaminiaturen mit Flattersatz bis hin zu klarer Stropheneinteilung bei strenger Einhaltung der Verszahlen. Zwar werden in der Rezension die „Prosagedichte“ erwähnt. Kein Wort jedoch über den Kontrast zwischen den monolithischen Prosaminiaturen und den fragmentarischen Strophengedichten. – Zwei Beispiele: Die Stropheneinteilung im Gedicht „Alter Schulweg“ folgt einer thematischen Ordnung, wodurch sich in der Erinnerung das Ganze gleichermassen räumlich zum Mosaik wie zeitlich zur Geschichte aus der Parallelität bzw. der Sukzession kleinerer Einheiten ergibt. Tatsächlich scheint nach zwei unterschiedlichen Sommerszenen in den ersten beiden Strophen in der dritten Strophe langsam durch ein gefallenes Blatt angedeutet der Herbst Einzug zu halten. So entsteht am Ende ein Gefühl der melancholischen Beschaulichkeit. Umgekehrt verhält es sich mit der Prosaminiatur „Mantra“, die entsprechend ihrem Titel ohne Unterbrechung durch Strophen – zwar leicht variiert – immer wieder dieselbe Forderung wiederholt. Das beschauliche Gefühl weicht der Eindringlichkeit eines, wenn auch prekären, Appells. – Statt solcher Überlegungen vergeudet die Rezension zum Gedicht „Alter Schulweg“ wertvolle Zeichen (schliesslich leiden Rezensionen aufgrund ihrer Zeichenzahlbeschränkung meist unter Platzmangel) mit einem intertextuellen Verweis auf Hölderlins „Hälfte des Lebens“: wohl um die Autorität der grösseren Bildung bei gleichzeitig mangelnder Auffassungs- und Kombinationsgabe unter Beweis zu stellen. Schlichte Phantasielosigkeit, wenn ich an die farbigen Hippies im Wald mit ihren wild kompilierten Kontrast-Kleidern denke.

Programmatischer Vagheit im zweiten Beispiel steht tautologische Hermetik im ersten Beispiel gegenüber. Das ist alles in allem so erhellend wie ein schwarzes Loch. Wenn für jede dieser immer und immer wieder zum Besten gegebenen Banalitäten – „Gute Gedichte haben kein Wort zu viel und keines zu wenig“ – Kunstverständige (Produzierende wie Rezipierende) von einem Blitz aus diesem schwarzen Loch heraus getroffen würden, so wäre um das Fortleben der europäischen Kultur ernsthaft zu fürchten. Ob es nun zum Besseren ist oder nicht, dass es bezüglich solcher apokalyptischer Blitze keinen Grund zur Sorge gibt, sei dahingestellt.

Aber weiter – zusehends pedantischer ob meines hilflosen Ärgers: Gedichte sind sicher keine „federleichten Gebilde“, wie es in einer Kritik zu Lisa Elsässers Gedichtband „Da war doch was“ heisst (http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/auferweckung-der-toten-1.18196746). Entweder sie sind Gedichte oder nicht. Darüber hinaus: Federleicht sind, man ahnt es: Federn! (Immerhin heisst, wäre zur Verteidigung der Rezensentin anzuführen, das letzte Gedicht des Bands „federleicht“, was in der Rezension jedoch nicht gekennzeichnet ist.) Worte sind vielleicht treffend, allenfalls „Findlinge“. Und zwar sind sie wie Findlinge, weil sie – und das ist jetzt ein Pleonasmus– erratisch auf einer Seite Papier stehen könnten. Immerhin trifft das bei einigen Gedichten aus Elsässers Band annähernd zu – aber auch eher deshalb, weil die formale Anordnung die gängige Erwartung einheitlicher Strophen (wenn es diese Erwartung überhaupt noch gibt) unterläuft und nicht etwa, weil die Worte wirklich erratisch auf der Seite verteilt wären. So gibt es das eine oder andere Gedicht in ihrem Band, das (auch in Abwandlungen davon) die Struktur einer listenartigen Gegenüberstellung aufweist. (Aus dem Gedicht „hinein“ werden so mindestens drei Gedichte, weil jede Spalte für sich gelesen, aber auch beide zu einem Gedicht kombiniert werden können. Ein Beziehungsspiel, wenn es um die „gefährtin“ geht?) Die Worte sind aber auch Findlinge, wenn ich mir die dichterische Arbeit als mühsames Durchkämmen von Wörterbüchern auf der Suche nach dem treffenden Wort vorstelle.

Konsultieren wir zuletzt noch einen Lyriker in seinem mitunter poetologischen Essayband, der 2011 erschienen ist:

„Ein Gedicht ist beides zugleich, kunstvolles Regelwerk und kunstvoller Regelbruch.“ (Jan Wagner: Die Sandale des Propheten, S. 87)

Stellt ihr, liebe Lesende, etwas fest? Was hatte Patrizia Huber schon wieder gesagt: „Das Verdienst von Spillers Gedicht ist, dass Form gleichzeitig aufgebaut und zerstört wird.“ Fragen drängen sich auf: Handelt es sich hier um ein Lyrik-Kartell? Sind das geheime Absprachen unter Sachverständigen zur Ausbremsung der ansonsten dilettantischen Konkurrenz? Müsste die Wettbewerbskommission aktiv werden? Oder ist das einfach nur Anbiederung? Verschwörungstheoretiker fänden in diesem Schlamm jedenfalls ein Schlaraffenland: Sumpf und Morast – aber sicher kein urbares, mithin kein Kulturland! Also doch zurück zur Natur!? Ganz abgesehen davon, dass das ebenso unscheinbare wie entscheidende Wort – nämlich ‚kunstvoll‘ – bei allem Schreiben (und Reden: esoterisches Raunen statt prophetisches Verkünden) so mythisch bleibt wie eh und je. Wenn schon zurück zur Natur: So war mir der märchenhaft-gefrorene Wald lieber – Rockmusik und bunte Röcke, psychedelische Schalmeienklänge und lange Schals, Rasta- Zöpfe und Farbfrisuren…

Naja: Mit der Kritik und dem Schreiben (und Reden) über Literatur ist es ein Elend – grau in grau: Das macht das Lesen schwierig. Solche Spielereien der Unverbindlichkeit sind symptomatisch für unsere Tage. Um Himmels willen: Man kann keine Mauern ‚zerstören‘, die man noch nicht ‚aufgebaut‘ hat. Regeln zu brechen, von denen man nicht einmal weiss, dass sie Regeln sind, ist unmöglich (auch wenn die Polizei das anders sieht)! Legt euch also fest, wenn ihr über Literatur und Gedichte schreibt (und redet). Morgen ist auch noch ein Tag: Dann könnt ihr mit Genuss widerrufen, was ihr heute mit Inbrunst verkündet habt. Und eben jene Mauern einreissen. (Spricht aus diesem unseligen Hang, Mauern einreissen zu wollen, die Klage all jener, die 89 in Berlin nicht mit dem Vorschlaghammer dabei waren, um das Ende aller alternativ-utopischen Phantasien zu bekräftigen? Und was ist eigentlich aus den Aussteigern geworden?) – Aber anstatt umgekehrt solch unverbindliches Geschreibe (und Gerede) gänzlich zu lassen, besteht offenbar das Bedürfnis, sich mittels Phrasen über die Verlegenheit des Schweigens zu formalen Aspekten hinweg zu retten.

 

Im Vordergrund: Nur eine Spielerei

Es wäre doch zu hoffen, dass im delirium mit seinem streitbaren Konzept mehr Kontrast zu finden sein müsste, als in diesem – widerschriftsinnigen – grau in grauen Hintergrund. Was jedoch die formale Anordnung von Spillers Gedicht betrifft, so ist über jenen programmatischen Satz und die blosse Beschreibung des Gedichts hinaus in Hubers Kritik nicht viel zu erfahren. Die Aneinanderreihung von Zuschreibungen – „Ziemlich schnell fällt auf, dass das Gedicht in freien Versen verfasst ist und aus diesem Grund auch kein klassisches Reimschema eingehalten werden kann. Hingegen folgen die Verse metrischen Regeln. Die Strophen sind verschieden lang und deren gibt es zwölf Stück.“ – gleicht der Beschreibung eines Schachspiels: Ein schwarzer Läufer steht auf A4, die weisse Dame auf D2, dem König auf K1 ist nach der Rochade schwindlig und schlecht geworden… Kaum etwas Langweiligeres als eine solche Aufzählung. Und dann ist damit noch nicht einmal die Stellung analysiert, ihre Möglichkeiten nicht ausgelotet, und sicher nichts über gelungene oder misslungene Strategien gesagt.

So verliert die Kritikerin trotz ihrer Erwähnung kein Wort zum möglichen Grund für die im Titel sogar genannte Zahl „zwölf“. Und auch die Zahl der Verse in jedem Gedicht bleibt unbesprochen: Gibt es einen Grund für die Verszahlen oder sind sie blosse Willkür? Sind sie Willkür, dann darf das auch gesagt sein. Wie verhält sich darüber hinaus die erste Strophe, die einzige mit dreizehn Versen, zum elfzeiligen ‚Meistergedicht‘? (Was passiert übrigens, wenn jedes der einzelnen Gedichte bloss aus zwei Versen bestünde? Und welcher Effekt entstünde bei drei Versen?)

Dazu kommt: Warum wird die Kranzstruktur annähernd beibehalten, während weder Metrik noch Reim eine Rolle spielen? Gerade Hubers Verweis auf die Metrik ist an den Haaren herbeigezogen, schliesslich habe ich grösste Mühe, metrische Kohärenz in Spillers Gedicht wahrzunehmen. (Man wir in jedem beliebigen Satz irgendwo einen Jambus und an einem anderen Ort einen Trochäus finden. Ebenso jeden sonst noch existierenden Versfuss. Ob das eine Metrik ausmacht?) Ein Beispiel zur Stützung ihrer Aussage brachte Huber jedenfalls nicht bei. Aber dieser Verweis auf die Metrik allein eröffnet ohnehin kaum einen sinnvollen Blick auf Spillers Gedicht.

Zudem ganz banal: Entweder es handelt sich um freie oder um metrische Verse. Das hat mit dem Reimschema noch nicht unbedingt etwas zu tun, obwohl natürlich auch der Reim eine mögliche Art der Gebundenheit von Versen ist. Es würde mich doch interessieren, ob nach Hubers Logik klassische Gedichte im freien Vers verfasst sind, nur weil sie sich nicht reimen. Alle Überlegungen zu formalen Aspekten münden dann folgerichtig in ein lapidares Fazit: „Einige klassische Elemente sind also vorhanden, andere wiederum nicht.“

Und dann drängt sich mir ob all dieser Überlegungen beim Lesen von Hubers Kritik der zwingende Umkehrschluss auf. Und wenn es stimmt, umso bedauerlicher: Können Spillers Gedichte so wenig, dass sie nicht Anlass zu sinnvolleren Aussagen und Überlegungen geben?

Über bemühte Vergleiche in Spillers Gedicht – wie: „seine Gedanken die über/Schranken sprangen wie die Füchse/und Katzen in den Strassen“ – mag ich mich angesichts dieser formalen Beliebigkeit gar nicht aufhalten. Auf jeden Fall scheint es nicht so, als wäre da irgendetwas „fügsam in Form“ gebracht worden. Ich möchte den DichterInnen wünschen… Aber vielleicht ging es wirklich nur um eine beliebige Spielerei – grosszügig gesprochen vielleicht eine Fingerübung, eine Etüde. Nur: Diese „Geschichte“ ist weder „lustig“ noch „einen Schritt voraus“. So wäre dem anonymen Editor, dessen Urteil dem Gedicht als Motto vorangestellt ist, zuzustimmen: „Noch nicht bereit, um in den ewigen Schatz der deutschen Dichtung einzugehen.“ (Ganz abgesehen davon, dass man auf diesen „ewigen Schatz“ wohl ohnehin pfeifen kann.) – Das mit der Spielerei jedenfalls konnte Robert Gernhardt dreissig Jahre früher offensichtlich besser (und dabei war er längst nicht der erste mit diesem Scherz): Wenigstens für dieses Motto zu ihrer Kritik ist der Kritikerin zu danken. Und auch der Titel des Aufsatzes in delirium N°01 war der Spielerei Spillers wohl schon ein wenig voraus. Oder hätte er etwa lauten müssen: „Gedichte. Formfrage oder Geschmackssache?“

(Ich könnte mir jedes Haar einzeln ausreissen, wenn ich mir bei der Erwähnung des Wortes ‚Geschmack‘ wieder den Essay der Lyrikerin in Erinnerung rufe. Diese verglich Gedichte mit einem Essen und kommt dann noch zu einem unsinnigen Schluss: „Das Aufregende in der Kunst ist der Widerspruch, der Haken, der eine glatte Schönheit verhindert, der nicht mit Gefälligkeit auf allgemeinen Applaus zielt. Hat hingegen das Essen einen Haken, wollen wirs nicht gern geniessen.“ Wenn Widersprüche Gedichte gut machen, so kann das für das Essen genauso gelten – ein Hoch auf die asiatische Küche, die schon seit langer Zeit Geschmacksgegensätze kombiniert. Das gängigste Beispiel dazu: sweet & sour. Ganz abgesehen von so extravaganten Kreationen heutzutage wie Chili-Schokolade… Oder war der „Haken“ wörtlich gemeint? Dann tue ich mich aber auch schwer, ihn in Gedichten nur schon zu finden, geschweige denn zu goutieren. Butter bei die Fische… Sie tun mir leid, wenn sie sich nun auch noch zwischen einem echten und einem metaphorischen Haken entscheiden müssen, bevor sie mit samt dem Haken in der Pfanne landen.)

 

Am Ende denke ich: Eine abzählbar unendliche Zahl

Und nur um dem Vorwurf zu entgehen, alles immer schwarz zu sehen (aber wie sollte man denn anders?) – und dem heutigen Credo und guten Ton des kritischen Geistes im Übermass und bis zur blossen Nörgelei oder gar Paranoia zu gehrochen: Zum Abschluss ein gelungenes Beispiel für das Schreiben (und Reden) über Gedichte. Jochen Jungs 31 Theorieansätze „Woran erkennt man ein Gedicht?“ (http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/woran-erkennt-man-ein-gedicht-1.18526178):

„Gedichte strahlen in ihrer Herrlichkeit, sie können blenden (aber nicht blind machen). Bisweilen sind sie auch Blender.“

Das ist ganz richtig und trifft wohl in den meisten Fällen zu. Das Absetzen eines Textes in Verse ist vielfach blosses Blendwerk, wie die Lyrikerin bereits bemerkt hat. Folgerichtig auch der nächste Ansatz:

„Gedichte gefallen vor allem sich selbst. Sie sind kleine selbstverliebte Individualisten auf der Suche nach Bettgenossen.“

Wenn wir uns die übergrosse Ähnlichkeit heutiger Gedichte hinsichtlich ihrer formalen Vagheit (oder sogar einfach Unsinnigkeit) vor Augen führen und das folgerichtige Schreiben (und Reden) darüber zum Beleg nehmen, so können wir angesichts von Jungs BettgenossInnen-These nur einen Schluss ziehen: Das ist Inzest. Man mag sich offen geben und das nicht so schlimm finden. Unter moralischen Prämissen finde ich das auch nicht schlimm… Aber statt gesunder Nachkommenschaft droht das Aussterben. Und Sterilität, daran sei erinnert, bedeutet für Gedichte nichts Gutes, sagte die Lyrikerin. Wir wühlen nicht nur im Schlamm, sondern nähern uns dem Sumpf, wenn wir nicht schon bis zum Hals drinstecken, ohne es zu merken. Und so denke ich am Ende nur noch resigniert: Wie kommt es, dass in einer Zeit der längst verkündeten Freiheit alle dasselbe tun und dieselben unverbindlichen Phrasen dreschen? Und schlimmer noch als früher: Wie kommt es, dass sie es im Bewusstsein ihrer eigenen Freiheit tun? Die Hippies in ihrer Wohlfühltoleranz hatten sich immerhin um schöne Kostüme bemüht. Extravagant verschieden: Die Hippies, diese Maskottchen der sozialen und sexuellen Befreiung, sind tot und vorbei. Ich denke: Der freie Vers, und in Spillers Gedicht ist er prominent, wie auch Patrizia Huber feststellte, hat sich zu oft verirrt und verloren – im Wald der Möglichkeiten dreht er sich im Kreis, nur die Musik ist dahin. Descartes, auf der Suche nach dem eigenen Fundament (so unerschütterlich wie Frostboden sollte es sein), meinte, man müsse im Wald einfach geradeaus gehen, wenn man sich verirrt habe. Irgendwann würde man dann schon aus dem Dickicht finden.

So sei zum Schluss in unserem sich ach so atheistisch gebenden Zeitalter eine ketzerische (aber noch nicht einmal mehr unanständige) These gewagt: Es gibt nur eine abzählbar unendliche Anzahl von Motiven, die dem freien Vers entsprechen und danach verlangen, in ihm ausgedrückt zu werden. Mit Gruss an die Hippies, bei aller Strenge der Himalaya-Winter: Bunte Buddhistische Gebetsfahnen sind eines dieser Motive.

Ceterum censeo: Verwirrte ZeitgenossInnen hin oder her – die Literatur gehört im Inhaltsverzeichnis von delirium gestrichen.

Fabian Schwitter

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