Eigentlich wollte ich ja über Hazel Brugger schreiben

Mit einem Lächeln auf den Lippen habe ich vorhin den Text von Sebastien Fanzun Versuch über das Selbstbewusstsein zur Seite gelegt. Ich habe gestrahlt wie ein Schulbub. Ein wunderbarer Text. Alleine die bunte Belesenheit von diesem stets elegant gekleideten und interessanten Zeitgenossen wecken da regelrechte Frühlingsgefühle in mir. Das Jonglieren mit grossen Namen, die pointierten Aphorismen, und dann dieses Tiefenpsychologische, dazu dieser intelligente Witz, furchtbar gut. Schön blöd, wenn der daraus kein Kapital zieht, denke ich. Das Ganze hat bei Fanzun dann auch immer Struktur und Schmackes, wenn der einfach mal so etwas hinschnörkelt. Wenn er, und hier spricht der blanke Neid, doch nur verstaubte Bibelverse von sich geben würde, geht mir durch meinen immer noch strahlenden Schulbubenkopf. Aber nein, das tut er eben nicht. Besonders faszinieren mich seine Abstecher in die Linguistik. Was habe ich schon Germanisten und Philologen getroffen, denen vor Langeweile der Mund eingeschlafen ist, während sie von ihrem Studium berichteten. Oder Studenten der Philosophie, die nach drei Gläsern Bier plötzlich damit anfangen, das Elend der Welt zu beklagen. «Warum muss alles so schlecht sein», stöhnen sie da manchmal fast schon unter Tränen. Oder schlimmer: «Wieso gibt es so viele schlechte Menschen in den Kommentarspalten», oder noch schlimmer: «Tod dem Christoph Blocher». Solidarisch wie ich bin, biete ich dann jeweils verständnislos eine meiner starken Schultern zum Ausheulen an. Manchmal weine ich auch einfach ein Weilchen mit.

Aber hier, bei Fanzun, um beim Thema zu bleiben, da nicht. Da sind wir auf ganz anderem Terrain. Hier wird noch geschrieben. Kein Etepetete. Hier wird noch gezeigt, was man kann. Hier werden noch Überlegungen angestellt. Mal geistvoll, mal maliziös. Ich kann über so viel Chuzpe nur staunen. Persönlich fehlt mir da die Ausdauer. Ich bin ein Schwafler, ja. Alleine beim Lesen von dessen Text kriege ich ein schrecklich schön schlechtes Gewissen, da ich Jorge Louis Borges und andere grosse Namen nur aus Erzählungen kenne oder aus den Bücherregalen meiner Freunde. Vom Namen her, wie man so schön sagt. Doch Fanzun schreibt so viel Unwiderlegbares, dass mir warm ums Herz wird. Dieser Salonlöwe, vermaledeiter. Dieser Fanzun gebärdet sich in meiner Vorstellung dann auch immer als lyrischer Faulenzer, der im Schlafrock bis in den späten Nachmittag der Literatur und Dichterei frönt, und auch keine Nahrung zu sich nimmt. Fanzun schreibt und liest, und dann schreibt er wieder, ganz egal über was. Eine tolle Vorstellung, nicht wahr? Einer, der ständig gescheites Zeug in Worte fassen kann, einen originellen Gedanken verfolgt und seine Leser damit auf eine Reise mitnimmt, wie damals bei Michael Ende, wisst ihr noch? Ausserdem denkt man bei Fanzuns Texten ja auch automatisch an den eleganten Kleidungsstil, das Bündner-Deutsch, die gepflegte und manchmal auch umständliche Ausdrucksweise, dann wieder die schwungvolle Art etwas auf den Punkt zubringen. Die spitzen Schuhe. Genau wie bei Kafka und dem Käfer! Spannend. Da könnte ich doch glatt die Wände hochgehen. Ausserdem spricht Fanzun wohl auch Französisch. Oder ist fürchterlich gut darin, so zu tun als ob. Die Leute hierzulande spreche heute ja furchtbar schlechtes oder noch schlimmer – gar kein Französisch. Ich spreche auch kaum Französisch. Mit wem den? Vielleicht einmal mit Fanzun.

So. Nachdem ich das mal losgeworden bin, würde ich jetzt, wie sich das für einen Blogger gehört, zu denen ich mich ja erst nach der Veröffentlichung dieses Textes zählen darf, über die Unannehmlichkeiten des Kulturbetriebs in schriftlicher Form aufregen, ich könnte mich über Verleihung des Johann-Peter-Hebel-Preises auslassen, oder noch besser: über die Abstimmungsvorlagen am 5. Juni. Aber nein, ich weiss etwas viel besseres. Los geht’s!

Als ich am Pfingstmorgen auf dem Pott sass, lauschte ich aufmerksam meinem kleinen schnuckligen Radio im Badezimmer. Der Moderator wollte gerade von einem in Brasilia residierenden Südamerika-Korrespondenten wissen, wer denn, ausser der Opposition, grosse Teile der Bevölkerung und den Medien Brasiliens, das Absetzungsverfahren gegen Präsidentin Rousseff noch so befürwortet hätte. Der in Brasilia Residierende räusperte sich kurz und allwissend, dann nuschelte er im Folgenden drei Wörter in portugiesischer Sprache ins Mikrofon. Die Übersetzung ins Deutsche schob der gute Herr Korrespondent dann auch gleich nach. Wenn ich mich richtig entsinne, sagte er, dass allen voran die Waffenlobby, die Agrarlobby und die Kirche dem Impeachment der höchsten Frau im Staat zugestimmt hätten – so etwas in der Art. Der besagte und von ihm angenuschelte Satz würde hier immer wieder von Rousseff-Unterstützern mit Hohn und Hass auf den Strassen Brasiliens gerufen: «Kohl – Kugeln – Kirche», stehe jeweils auf den Bannern der sich in der Minderheit wähnenden Rousseff-Anhängern geschrieben. Kohl für Agrarlobby, Kugeln für die Waffenindustrie und Kirche – naja, ihr wisst schon, Kirche halt. Mittlerweile sei das Hühnchen Rousseff aber schon längst gerupft. Ein Comeback schloss der weise Korrespondent aus dem warmen Brasilia kategorisch aus. Alleine der Umstand, dass sich die Kirche auf die Seite der Rousseff-Gegner geschlagen habe, zeige doch wie zünftig die Kacke schon am dampfen ist. Der Moderator bedankte sich bei unserem Herrn Korrespondenten und ich tat es ihm im Stillen gleich.

Nächster Beitrag: Rom. Der italienische Staat habe soeben die Homo-Ehe legalisiert. «Ein freudiger Tag für alle Lesben und Schwule der südlichen Republik…» frotzelte der Moderator gelassen und vielleicht eine Spur zu desinteressiert ins Mikrofon. Dann war ein O-Ton mit Partygeräuschen aus dem Radio zu hören, unterlegt durch einen nicht weiter identifizierbaren Jubel. Schon meldete sich der Moderator wieder, um seine Hörerschaft etwas weiter in die Thematik einzuweihen. Was mir da gerade zu Ohren gekommen war, seien fröhliche Lesben und Schwule, die im Land der Azzurri nun endlich Heiraten dürften. Zahlreiche Homosexuelle würden heute in der Hauptstadt diesen Sieg der Gerechtigkeit feiern. Mit bunten Fahnen und Lärm. Obwohl selber hetero und noch immer auf dem Pott sitzend, stimmte ich euphorisch in den Jubel der «fröhlichen Lesben und Schwulen der südlichen Republik» ein. Italien sei endlich in der Moderne angelangt, schnatterte eine römische Lesbe aus dem Radio, die freundlich und fröhlich genug war, mit unserem Moderatoren zu sprechen. Mittlerweile waren mir aber aufgrund meiner Sitzlage die Beine eingeschlafen.

Im Flur dann springen mir meine Mitbewohnerin und ihr Kerl entgegen. Hand in Hand. Mit fettigem Haar und Telleraugen. Kennt ihr diesen Ausdruck: Telleraugen? Egal, ich erklär’s euch trotzdem: Telleraugen hat man dann, wenn sich die Pupillen knopfgross ausweiten. So etwas kriegt man nicht geschenkt, sondern unter Einfluss von Drogen. Über Pfingsten werden gewöhnlich viele Drogen reingebuttert, da Montag ein Feiertag ist. Einen Tag länger zum Auskurieren, so. Der Kerl meiner Mitbewohnerin ist schon seit drei Tagen hier. Sie hat ihn am Donnerstag in einer Kneipe aufgelesen und zu sich – also zu uns – mit nach Hause genommen. Da ist er bis heute auch geblieben. Ich habe die zwei Verliebten die letzten drei Tage weder beim Zähneputzen noch beim Händewaschen oder Duschen erwischt. Mein Zimmer liegt gleich nebenan. Die beiden machen auch keine Geräusche beim Sex. Ich gehe trotzdem davon aus, dass sie nicht Puzzle spielen oder einander aus den Händen vorlesen. Ich habe noch einen anderen Mitbewohner. Doch der ist ständig müde, redet auch nicht so viel. Im Gegenzug kann er Klasse zuhören. In der Küche fragt meine Mitbewohnerin ihren Kerl dann, was er zum Frühstück haben möchte. Gespannt, was diese Furzgurke auf diese Frage erwidert, spitze ich die Ohren. Doch der Kerl verschwendet keine Zeit und erklärt lässig: Eine Zigarette, eine Tasse Kaffee, einen Schluck Wasser und schon stehe er wieder auf den Beinen. Elender Purist, geht mir durch den Kopf. Während sich nun meine Mitbewohnerin den Weg durch Abfall und schmutziges Geschirr freiräumt, um Rührei mit zu viel Salz für sich ganz alleine zu machen, zieht ihr Kerl an seiner Kippe. Dieser Bonvivant, vermaledeiter.

In meinem Zimmer angelangt, schlage ich die Zeitung auf. Ich lese ein flammendes Plädoyer zur Annahme der Asylgesetzt-Revision von Simon Gemperli. Ich stimme dem Gemperli in allen Belangen zu, wie ich es ein, zwei Stunden vorher schon bei Fanzun getan habe. Ich blättere weiter. Redakteur Daniel Meier preist den Liedermacher Reinhard Mey in einem melancholisch-schönen Artikel, dass mir schon zum zweiten Mal warm ums Herz wird. Und das an Pfingsten. Kennt ihr den Mey? «Über den Wolken» ist von Mey. Oder die Wendung: «Der Mörder ist immer der Gärtner». Spannend. Dann lese ich, dass dieser Reinhard Mey so alle zwei Jahre Lieder macht, die berichten, wie es ihm unterdessen so ergangen ist. Beobachtungen zum Beispiel – Erlebtes halt. Und ich überlege: Das ist doch wie bei Ulysses oder Knausgård, oder wie bei mir in diesem Text hier. Wie ist das eigentlich mit dem «å». Ist das ein «ä»? Und wenn ja, haben die Norweger denn kein «ä»? Weiss das jemand?

 

 

 

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