Zeitschrift gegen Kritik!

I

«Wenn dergleichen Anzeigen frey und offt geschehen/ so ist kein Zweiffel/ es giebt der Käuffer/ der Verleger solcher unnützen Bücher und folglich der Stümper weniger.» (Neue Bibliothec, oder Nachricht und Urtheile von neuen Büchern. Und allerhand zur Gelehrsamkeit dienenden Sachen 1715:5)

Meinungen sind nicht gerade selten.

Wenn Peter sein erstes Saxophonkonzert gibt, wird ihm seine Tante danach bestimmt sagen, dass er nicht in sein Blatt sondern ins Publikum hätte schauen sollen. Die Tante kann nicht anders, sie muss so, und sie denkt noch, sie tut gut daran. Peter bringt das natürlich wenig. Das nächste Mal wird er ins Publikum schauen: Ausser dass er das bis zum nächsten Jahreskonzert durch den Kopf wälzt und sich schon vorgängig unter totaler Beobachtung wähnt, wird es seine Art vorzuspielen kaum nennenswert verbessern. Möglich ist, dass Peter, der alte Selbstoptimierer, gerne so etwas hört, weil er den Einbezug des Publikums perfektionieren möchte. Es liegt wohl im Ermessen der Tante, wieviel es Peter bringt, ihn zu kritisieren. Vielleicht haut sie auch einfach gerne Leuten eine rein.

Das Beispiel wird nicht besser, wenn die Tante es nicht zu Peter, sondern zu ihrem Freund, einem ehemaligen, unanständig untersetzten Musiklehrer, sagt. Will sie Zustimmung und wenn ja, was hätte sie damit erreicht? Will sie ihn heute Abend in die Kiste kriegen? Diesen Typen? Will sie Ablehnung als Anerkennung? Sie könnte ein grosses Schild an die Tür der Musikschule nageln: «Warnung: Saxophonist schaut weg», und damit wäre wohl am meisten gewonnen.

Drei Tatsachen, die der gängigen Art, über Kritik zu reden, Hohn sprechen:

1. Jeder Mensch hat zu fast allem eine Meinung. (Niemand muss dem kritischen Geist nachhelfen: Der kritische Geist lauert in allem.)

2. Wenn die Umgebung einigermassen stimmt, sagt er sie auch rundheraus. (Man muss dem kritischen Geist keine Plattform bieten, die Menschen fürchten sich kaum, sich kritisch zu äussern, und tun es mit Vergnügen so vorschnell wie möglich.)

3. Warum, frage ich mich dann, ist er nur so verdammt schlecht darin? Warum sind das so dermassen unterirdische Kritiken? Warum sagt die Tante etwas zu den Notenblättern, wenn sie in Wirklichkeit etwas anderes, viel Wichtigeres gestört hat, die schiefen Töne, die eigene Nervosität, die sie hat, weil sie Erwartungen in den Neffen gehabt hat, vermengt mit der stickigen Luft der Musikschule, dieser Freund, der ihr schon seit Monaten auf die Nerven geht, Scharnierklicken, John Coltrane.

II

«Manches kritische Journal hat den Fehler, welcher Mozarts Musik so häufig vorgeworfen wird: einen zuweilen unmässigen Gebrauch der Blasinstrumente» (Schlegel)

Warum pflegen wir die Kritik bei delirium so?

delirium will Kritik endlich zur Sprache zu bringen, aber nicht, weil Kritik im Vergleich mit Literatur vernachlässigt wird. Die Kritik wird nicht unterschätzt. Klar gibt es immer die Kritik an der Kritik, aber gerade davon lebt und zehrt sie genüsslich, mit ihr wächst sie immer voran. Schule und Universität rühmen sich, ihre Studenten nicht nur in Lehrplan-Kompetenzen sondern auch in kritischem Denken zu fördern. Seit der Kritischen Theorie gehört das zu den noch erlaubten Denkfiguren einer Welt nach Auschwitz. Kapitalismuskritik der marxistischen Theorien oder Systemkritik der nach-marxistischen — kritische Evaluation im Zuge neoliberaler Selbstoptimierung; Kritik von Begriffen; Criticism, Critique, Kritik durch die vierte Gewalt; Kritik auf dem Weg zu guter Kunst. Hauptsache Kritik, Kritik geht immer.

Die Kritik wird wie die Literatur verräterisch gehätschelt und gelobt. Diese Bemutterung macht auch hier misstrauisch. Mehr noch als bei der Literatur — denn die Kritik geht mit ihrer Bemutterung gleich in Vernichtung auf. Aber Verrisse sind nicht einfach geil und Kritik subversiv. Das ist nicht der Grund, weshalb delirium ihr eine Plattform bietet.

delirium will Kritik endlich zur Sprache bringen, weil die Sprache der Kritik völlig fehlt.

III

Die Kritik hat seit Jahrhunderten Strategien entwickelt, nicht zur Sprache zu kommen. Als Vorgeschmack drei davon:

(a)

«Wie wahr ist das! Seit ich fühle, habe ich Goethe gehasst. Seit ich denke, weiss ich warum.» (Börner)

Die Idee, Gefühl und Urteil zu trennen oder das Gefühlsurteil vom rationalen zu trennen, ist überall.

«Man kann Kritiker aller möglicher Fehler überführen, an ihrem Urteil wird das kaum etwas ändern. Denn Urteile sind Gefühlssache. Sie kommen zuerst, die Argumentation wird meist im Nachhinein konstruiert» (Peter Stamm, Literarischer Monat 2016:24)

Man muss nicht eine ganz so plumpe Weltsicht haben wie Peter Stamm. Jeder kennt das Gefühl, eine Meinung zu haben, eine Stimmung zu fühlen, die man nicht aussprechen kann. Sie geht meist der Kritik voraus (auch wenn der Kritik oder dem Lesen und Hören einer Kritik, ein neues, mindestens so intensives Gefühl nachfolgt). Doch nur weil die Argumentation später verbalisiert wird, ist das vorhergehende Gefühl nicht weniger konstruiert. Manche Menschen verehren ein Gefühl, das sich nicht in Worte fassen lässt, wie eine Gottheit, dessen Namen sie nicht aussprechen wollen. Vielleicht ahnen sie nur, dass, wenn sie es in Worte fassen, es viel zu leicht von der Zunge geht. Konfrontiert mit der Stumpfheit des eigenen Geschmacks, mit der Dumpfheit des eigenen Gefühls wird uns oft banger, als mit unserer Unfähigkeit, uns auszudrücken.

Ich sage nicht, dass das Ausdrücken möglich ist. Aber zu hoffen, wir könnten uns stattdessen auf die Inkommunikabilität als Sicherheit verlassen und damit ein Stückchen Metaphysik in der Kunst hinterlassen, ist natürlich Unsinn. Mystik für ein andermal. Wir müssen es wenigstens probieren. Schlegels Devise sollte der Kritiker auch gegen sich selbst anwenden: «Man soll von jedermann Genie fordern, aber ohne es zu erwarten»

Vielleicht fühlen wir nicht besonders viel, sondern sind einfach sehr scheisse in dem, was wir sonst tun. Die Rede vom Unsagbaren, das Grössere Gefühl, macht nur Spass, wenn man es versucht hat, zu sagen. Kleists Gedankenstrich, der vergewaltigend verschweigt, ist ohne De Sade nicht zu denken.

Und dann müssen wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass vielleicht das Primat des Gefühls nur ein erster Spass ist. Wie Meinungsfreiheit nicht bedeutet, dass jede Meinung unkritisiert bleibt, so muss noch lange nicht jeder damit einverstanden sein, was ein anderer fühlt. Trauerkritik, Kritik der Angst, Kritik der Gefühle müssen möglich sein. Warum verlangen alle, die Ängste der Bevölkerung ernst zu nehmen? Vielleicht sind sie es, die die erste Kritik verlangen.

Sich neben jemanden hinzustellen und zu erklären, er dürfe nicht weinen, ist hart – verlangt halt auch Selbstbewusstsein.

(b)

Alle klassischen Dichtarten in ihrer strengen Reinheit sind jetzt lächerlich. (Schlegel)

Abseits von der Grundsatzkritik, Gefühle würden zerredet, finden wir in den Kritiken Desiderate dieser Rhetorik. Dann sprechen sie von inhärenten Logiken, denen der Text zugrunde liegt, und messen ihn an seinem eigenen Anspruch. Erstens muss die Kritikerin diesen Anspruch unterstellen und zweitens bleiben so ausgerechnet Anspruch und Logik des Texts ausserhalb der Kritik.

In seiner neusten Kritik der Kritik hat Fabian Schwitter dieses Problem aufgezeigt, indem er auf ein Argumentationsmuster hingewiesen hat, das auch im delirium immer wieder unterkommt. So erklärt uns die Lyrikerin Kerstin Hensel, was gute Gedichte ausmache:

«Sie führen eine unverwechselbare Sprache vor, nicht das Jonglieren mit Klischees. Sie sind merkbar, nicht flüchtig; persönlich, nicht privat; formvollendet, nicht steril; unfertig, aber nicht schlampig. Gute Gedichte haben kein Wort zu viel und keines zu wenig; zeigen Haltung, ohne zu belehren; sind musikalisch, ohne auf reines Klangereignis hinauszulaufen.»

worauf Schwitter erwidert:

«In vielen Worten besagt dies zum wiederholten Mal nicht viel mehr als: Gute Gedichte sind gute Gedichte. Ich kenne nur wenige Leute, die sich unbedingt form-un-vollendete Gedichte wünschen. Nur was zum Teufel heisst „formvollendet“?»

Und an der delirium-Kritikerin Partizia Huber kritisiert er ihre Aussage «Das Verdienst von Spillers Gedicht ist, dass Form gleichzeitig aufgebaut und zerstört wird.» Richtig recht erhielt Schwitter jedoch erst durch die Verteidigung des Autors, der für seine ihm wohlgesinnte Kritikerin eintrat: «Die Entscheidung, einen Zeilenbruch zu setzen, kann minimal, durch sich selbst begründet sein.» Diese Sätze benutzen Platitüden und gefährliche: Was bedeutet, «durch sich selbst begründet», was bedeutet «Form aufbauen»? Was zerstören? Müssen wir nicht solche Denkfiguren kritisieren, die uns in jeder Feuilleton-Kritik begegnen? Schwitter bleibt vorerst nur zu konstatieren:

«Der gängige Floskelschwachsinn im Schreiben (und Reden) über Literatur (und insbesondere Lyrik) hinsichtlich ihrer formalen Erscheinung ist kaum zu überbieten.»

Und uns zu ergänzen: nicht nur hinsichtlich der formalen Erscheinung.

Kritik muss bedeuten, Umgehungsfloskeln zu vermeiden, und den Finger in sie zu legen, wenn sie ihr unterkommen: Sie sind die Wunden, aus denen das Belanglose eitert. Sie, und nicht das Werk, sind der eigentliche Gegenstand der Kritik.

 

(c)

«die Hoffnung, man könne technisch originell und gleichzeitig in seiner Darstellung gewandt sein, wird von der Geschichte der Literaturwissenschaft nicht bestätigt.» (Paul de Man)

Die dritte Strategie der Kritikvermeidung liegt im Hinweis auf ihre formale Schwierigkeit. Wie kann man gut kritisieren? Man kann dem Werk doch nie gerecht werden! Ein Hinweis auf eine Feuilletonkritik, die eine Zusammenfassung macht, ein paar positive Sachen, ein paar negative Sachen aufzählt und mit einem Urteil – kauft dieses Buch, kauft es nicht – abschliesst, ist hier müssig.

Doch denken wir, wie virtuos delirium gerade damit umgegangen ist. Die Hefte zeugen von einer Annäherung der Kritik an den literarischen Text: Yunus Ersoy schlug vor, einen zweiten Abdruck des literarischen Textes als Kritik beizustellen (eine übliche Methode für Verrisse). Fabian Schwitter begann seine Kritik zu meiner Erzählung mit dem Satz «“Drei Geometrieaufgaben“ steht als Titel über Cédric Weidmanns Text». Fritz Gutbrodts Kritik variierte Zitate aus Konstantin Duvaliers Text, um die vorweggenommene Redundanz der Kritik deutlich zu machen. Aber auch die Übernahme der Erzählmuster ist häufig: Gregor Schenker verbastelte den rezensierten Roman zu einer Kritik, Thibault Schiemann flocht eine Figur in die literarische Welt ein und Maya Wohlgemuth spielte die Geschichte von Jacques Destouches einfach neu durch. Raul Sobasa und Ariel Hondeg, zwei in Fanzuns Universum angesiedelte Doppelkritiker, führten Korrespondenz über die Erzählung. Samuel Prenners Kritik an Michael Fehr (Coucou 2016:37) war nur deshalb so fausthart, weil sie seinen Stil imitierte:

Screenshot_20160530-111919.png

Noch hat sich keine der Formen durchgesetzt, vielleicht sollte es auch nicht. Dennoch müssen wir die Grundsatzfrage stellen: Was bedeutet diese Annäherung, welche Idee liegt ihr zugrunde? Braucht jeder Text seine eigene Kritik? Warum eigentlich? Soll die Kritik etwa vorgaukeln, dass sie je ihrem Text gerecht sein könnte? Was ist mit Kritiken, die immer die gleiche Form aufweisen, etwa Ein-Satz-Reviews oder der Seite-99-Test? Sind sie ungeeigneter oder gerade durch ihre Vergleichbarkeit geeigneter?

Wir müssen zum neuralgischen Punkt kommen. Möchten wir Texte an dem messen, was sie sich selber als Aufgabe stecken? (Dann müsste man, wie wir im Punkt 2 gesehen haben herausfinden, was all das eigentlich bedeuten soll: «sich als Aufgabe stecken», «messen» usw.) Oder verlangen wir von der Kritik Selbstbewusstsein: «Verve» und «Unterhaltung», «weniger Verrisse von einzelnen Werken aber mehr Verrisse von ganzen Tendenzen und Schulen und Epochen», «Antworten auf die Frage weshalb der Familienroman ein so komplett uninteressantes Genre (geworden) ist, mehr Einsicht dank weniger Rücksicht»?

IV

«Was du machst, is‘ nich‘ korrekt wie Behindertenwitze
Alles, was du schreibst, ist für mich nich‘ mehr als Kindergekritzel
Hör‘, was du in Interviews sagst! Leute hassen dich nich‘
Weil sie mich lieben, sondern für deine Art, Eko!» (Kool Savas)

Dies sind nicht alle Fragen, die sich uns stellen werden. Aber es sind die dringendsten. Ich fühle mich geehrt, die Schlacht offiziell zu eröffnen: Bis sie geklärt sind, ist delirium vorerst die Zeitschrift gegen Kritik.

 

Cédric Weidmann

 

4 Kommentare

  1. Egal, wie sich Kritik äusserst: Wenn sie nicht durchdrungen ist von Misstrauen – vor allem gegenüber sich selbst -, dann taugt sie wenig bis gar nichts. Das wiederum, der Twist der Geschichte, hätte dann wohl eine ganz Welt voll mit Selbstbewusstsein zu tun. Danke für diesen ungeheuer lustigen und böswilligen Begriff, Sebastien!

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      • Ich habe mir das noch einmal überlegt: Selbstredend taucht dieses Misstrauen nicht zwingend unmittelbar bzw. an der Oberfläche der Kritik auf. Vielmehr ist die misstrauische ‚Haltung‘ (Albrecht Füller) entscheidend, die dennoch straight forward aufzutreten vermag: Das wäre Selbstbewusstsein (Sebastien Fanzun).

        Und: Die Rede vom Misstrauen ist, glaube ich, keine Floskel. So wie du Kritik dargestellt hast, ist sie vielmehr eine gottsjämmerliche Anmassung, die jenseits jeden Misstrauens gedeiht. Aber ich kann mich damit einverstanden geben: Genauso wie literarisch Schreibende ihren Texten misstrauen sollten, sollten auch KritikerInnen ihren Kritiken misstrauen. Aber wie gesagt: Vermutlich zeigt sich das eben selten im Text selbst. Und das ist vielleicht auch gut so.

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