Eine Verfassung mit Präambel in vierundzwanzig Artikeln aber ohne Zeitangabe

Dieser Text bezieht sich auf Carlo Spillers Text Über die Quadratur des Kreises.

Präambel
Igottsnamä: Carlo sah sich genötigt, eine Erklärung abzugeben und sein Gedicht „Sonettenkranz ohne Sonette in stund zwölf Gedichten“ zu rechtfertigen, obwohl sich mein Text „am anfang glaubte ich noch…“ primär auf das Geschäft der KritikerInnen bzw. TheoretikerInnen bezog. Denn: Warum fanden sich alle diese Erklärungen, die Carlo zugunsten seines Gedichts anführt, nicht bereits in Hubers Kritik? Warum, gopferteli nomal? – Täubelendi Chind sind geil: So ist meine momentane Verfassung.

1. Allgemeine Bestimmungen

Artikel I
Selbstinterpretationen haben den Vorteil, dass einmal Tacheles geredet wird, anstatt kokette Sentenzen vorzuschieben wie: Der Text spricht für sich selbst. Das tut er ohnehin (und vielleicht tut er es eben auch nicht), darauf muss man nicht noch eigens hinweisen. Wir sind schliesslich im delirium, oder Herr Oberholzer? Mein Steckenpferd wieherte, es sei Experte für Euphorie. Lassen wir es also krachen!

Artikel II
Lassen wir uns schon auf Selbstinterpretationen ein, so soll gelten, was Carlo zu seinem Gedicht sagt.

Artikel III
The Artist Is Present war eine Performance von Marina Abramović im Museum of Modern Art in New York. Und im Übrigen kümmert es wenig, ob Jan Wagner in Solothurn oder Buxtehude war.

Artikel IV
Zurück zur Natur wollten die Hippies. Die Hippies sind tot. Steht so im Text.

Artikel V
Ich will nicht so sein.

2. Der freie Vers

Artikel I
Die einmalige Anwendung eines Regelsystems ist langweilig. Sie führt nicht zu dessen Bewährung.

Artikel II
Der freie Vers ist die einmalige Anwendung eines Regelsystems.

Artikel III
Damit der freie Vers nicht langweilig wird, muss er schon verdammt gut – ja fast genial sein.

Artikel IV
Ein Gedicht in freien Versen erhebt einen so monarchischen Anspruch, wie ihn Peter Szondi im Kunstwerk allgemein ausgemacht hat (-> „Über philologische Erkenntnis“).

Artikel V
Carlos Sonettenkranz ist nicht im freien Vers geschrieben. Steht auch so im Text. (Vielleicht gibt es also bald einen weiteren Sonettenkranz?)

3. Verdächtige Sätze und Worte: Zum Zeilenbruch

Artikel I
Sätze zur Bewusstheit des Zeilenbruchs wecken auf jeden Fall Argwohn – so wahr sie im Allgemeinen auch sind, ist doch im Besonderen immer an der Bewusstheit der Entscheidung zu zweifeln.

Artikel II
Dieses unscheinbare Wörtchen ‚bewusst‘ ist von derselben Sorte wie das Wörtchen ‚kunstvoll‘. Es ist immerhin anzunehmen, dass Schreibende Entscheidungen bei Bewusstsein treffen. Ich bin noch nie einer Horde Bewusstloser begegnet, die sich bewaffnet mit einem Federkiel in der Anästhesieabteilung eines städtischen Grossspitals Gedanken dazu gemacht hätte, wie nun der Zeilenbruch zu vollziehen sei.

Artikel III
(ACHTUNG: Selbstinterpretation. Ein Gespräch mit C. W. und S. F. zeigte mir die Notwendigkeit einer solchen.)

Wenn es beim Brechen von Zeilen um bewusste Entscheidungen geht, so sollte der Aufsatz in delirium N°01 „Gedichte. Formsache oder Geschmacksfrage?“ genau diesen Entscheidungsprozess vorführen! Die einzelnen Abschnitte alternieren zwischen Aussage und Infragestellung – oder: Setzung und Widerrufung – oder: These und Reflexion.

Artikel IV
So funktioniert auch das Verfassen von Gedichten in freien Versen: Nichts führt an der Niederschrift einiger Zeilen vorbei – woher diese anfänglichen Zeilen auch immer kommen mögen; danach ist jedoch unter allen Umständen genau zu prüfen, wie bspw. der Zeilenbruch zustanden kam und was im Zeilenbruch wirksam ist; gegebenenfalls ist dann der bestehende Text zu modifizieren und dementsprechend weiterzuführen!

Artikel V
Selbstredend: Dieser Prozess ist potenziell unendlich – und von dieser Unendlichkeit sollte immerhin etwas spürbar bleiben in einem Gedicht mit freien Versen. (Selbstzensur: Das könnte ein verdächtiger Satz mit einem besonders verdächtigen Wort sein.)

Artikel VI
Damit ist deutlich gemacht, dass ich keinesfalls ein Gegner des freien Verses bin. Aber wehe, wenn die Entscheidungen nicht bis zum äussersten Bewusstsein, ja zum Unendlichen getroffen sind.

4. Grundbegriffe: Form, Struktur, Stilmittel

Artikel I
Formen, Strukturen und Stilmittel sind voneinander zu unterscheiden. Die Form ist die äussere Erscheinung des Gedichts. Die Struktur ist die innere Festigkeit des Gedichts. Stilmittel sind bspw. der Reim in seinen unterschiedlichen Arten, aber auch Assonanzen und Konsonanzen, typographische Elemente, Drucklegung etc…

5. Sonettenkranz: Zu Carlos Selbstinterpretation

Artikel I
Die ungleiche Zahl von Zeilen in den einzelnen Strophen unterläuft die Anlehnung an ein Quadrat und macht die Strophen bestenfalls zu Quadern.

Artikel II
Dem Konzept entsprechend hätte mit Ausnahme der ersten Strophe jede Strophe zwölf Zeilen umfassen müssen.

Artikel III
Die „Bodenplatten“ werden mit Gewissheit überstrapaziert.

Artikel IV
Eine Todsünde sind prätentiöse Titel und nicht die Mischung von Unvereinbarem.

Artikel V
Einfache Ideen einfach umgesetzt sind einfach gut.

Artikel VI
Sich dem Unendlichen versagen und dafür das Unmögliche wagen: Das ist gut. Sich die Quadratur des Kreises vorzunehmen, ist auf jeden Fall anspruchs- und damit reizvoll. Ich sage: Wie er abgedruckt ist, so ist der „Sonettenkranz ohne Sonette in stund zwölf Gedichten“ abgeruckt. Das hätte ich nicht gekonnt.

6. Schlussbestimmung

Artikel I
Wir sollen im delirium sein. Sind wir schon im delirium?

 

Fabian Schwitter

2 Kommentare

  1. Ich verstehe nicht ganz, wieso man dem Zeilenbruch eine Rechtfertigung (bewusst oder nicht) abverlangt. Die Schuld könnte man auch bei der Prosa sehen, die so tut, als gäbe es keinen Zeilenbruch, und medial die Verantwortung abschiebt. Welche Rechtfertigung hat die Prosa, so zu tun, als gäbe es keinen Zeilenbruch? Braucht es nicht eben auch eine bewusste Entscheidung, keinen Zeilenbruch zu machen?

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  2. Doch. Ich würde ja dasselbe Bewusstsein in Sachen Prosa verlangen. Bei der herkömmlichen Unterscheidung von Lyrik und Prosa ist es allerdings so, dass der Zeilenbruch doch nur für die Lyrik konstitutiv ist. – Gestehen wir diese Unterscheidung nicht zu, so bewegen wir uns vielleicht an einem ganz anderen Ort. Moderner? Zeitgemässer? Ich weiss es nicht. Es gibt genügend Leute, die keinen Unterschied zwischen Lyrik und Prosa machen bzw. der herkömmlichen Unterscheidung keine Relevanz beimessen.

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