Kannibalismus im Internet

Gregor Schenker auf Kulturmutant zum neusten Beitrag der NZZ, der sich auf delirium stützte.

kulturmutant

kannibalismus03Roman Bucheli, Feuilletonredaktor und Literaturkritiker bei der NZZ, regt sich auf über den gegenwärtigen Stand der Literaturkritik: Den Kannibalen fallen die Zähne aus.

Mehr denn je hat die Literaturkritik Massstäbe und Maximen verloren. Wer wüsste noch, was sie soll oder will, geschweige: müsste. Und wer, wenn er es wüsste, wagte, danach zu handeln? Die Kritik hat an Profil verloren – und damit an Relevanz im intellektuellen Diskurs und an Einfluss auf das literarische Geschehen. Sie hat sogar vergessen, dass sie Einfluss nehmen kann und soll. Sie ist müde und matt geworden.

Da musste ich an Tilmann Lahme denken, der 2011 in der Neuen Rundschau (Heft 1, S. 57-73) Folgendes herausgearbeitet hat:

Fassen wir zusammen: Die Literaturkritik steckt in der Krise. Ihr Niveau ist erbärmlich. Die Kritiker sind nicht nur inkompetent, sndern meist auch boshaft und neidisch. Das, was man als gute Kritik gelten lassen könnte, wird an den…

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3 Kommentare

  1. Die Verbindung zu delirium ist mir auch aufgefallen – und sofort packte mich die Schreibwut, da etwas zu erwidern. Zum Glück hat das Gregor nun getan – und wesentlich informierter, als ich es hätte tun können. Danke dafür.

    Ein entscheidendes Element des bürgerlichen Credos (heutigen Zuschnitts) ist natürlich auch der Wettbewerb:

    „Erforderlich sind eine Schärfung des kritischen Urteils, eine intellektuelle Profilierung im Wettbewerb der Meinungen und eine Vertiefung des argumentativen Sachverstands.“

    Gegen die Schärfung des kritischen Urteils und gegen die Vertiefung des argumentativen Sachverstands wären an sich wenig einzuwenden. Nur: Sie gehorchen natürlich gänzlich diesem Credo des Wettbewerbs. Ich finde das mittlerweile recht langweilig und überaus billig. Lohnt es sich, nach möglichst effizienten Mitteln zu suchen, andere in Grund und Boden zu stampfen? (Den tollsten Euphemismus dafür hat Habermas mit seinem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ in die Welt gesetzt.) Dienen Argumentationen bloss diesem einen Zweck? Und wenn ja, dann wären sie wohl einfach zu verabschieden. Dann argumentieren wir halt nicht mehr, sondern erzählen einfach – von dieser oder jener Erfahrung. Und das ist schliesslich auch delirium: ein GEMEINSAMES Unterfangen, eine Sache weiterzutragen – Text für Text. Es leuchtet mir nicht ein, warum Texte in einem Wettbewerb zueinander stehen sollten. Erweitern sie nicht einfach den Variantenreichtum. Und nur weil eine Variante kontinuierlich weitergetrieben und verbessert werden kann, heisst das noch lange nicht, dass sie deshalb eine andere Variante auszuschliessen bräuchte.

    Aber wie wehrt man sich als skorbutkranker Kannibale, dem die Zähne ausgefallen sind und der aus purer Not (und das wäre von Anfang an das Heilmittel gegen Skorbut gewesen) zum Vegetarier wurde, gegen angeschliffene Zähne, wenn andere Kannibalen über einen herfallen? Ich rieche schon den Rauch und höre die Flammen knistern. Am liebsten möchte ich in einem dieser alten russgeschwärtzen Pfadi-Kochkessel gegart werden. Kommt ein Fisch an den Tisch, sagt Piep-Piep-Piep: Guten Appetit!

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  2. Meinungen einem Wettbewerb auszusetzen hat keinen Sinn, denn sie basieren zu einem beträchtlichen Teil auf Befindlichkeiten und persönlichen Erfahrungen. Wie wären diese gegeneinander abzuwägen? Ein Wettbewerb würde sich nur zwischen objektiven Gegebenheiten lohnen. Ein anderer Name für diese objektiven Gegebenheit ist Wahrheit – und dann wird die Widersinnigkeit der Sache schon deutlicher: Einerseits ist die Wahrheit per se nicht wettbewerbsfähig, weil sie eben wahr ist. Andererseits ist die Wahrheit eine einzige und müsste folglich mit sich selbst in Wettbewerb treten: Und da wird es wirklich spannend!!!

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