Bahnen ziehen

Regen in Büchern. Zuhauf. Denn es regnet drei Mal so oft, wie es tatsächlich im deutschsprachigen Raum der Fall ist. Fun Fact der Neueren Deutschen Literatur. Ich hab es nicht gegoogelt, werd‘ ich auch nicht. Ändert nichts daran, dass es diesmal tatsächlich der Fall ist, das mit dem Regen, nicht mit dem Buch. Es regnet und klischeemässig hört man neben dem Rauschen der nassgeregneten Blätter der Bäume ein Kind schreien. Ich stelle den Zeilenabstand auf 1.5 ein, das Gewittergrollen (noch ohne Donner) schräg über mir. Blitze kann ich von hier aus nicht sehen. Das Kind hat man beruhigen können, vielleicht ist ihm nur der Schnuller aus dem Mund gefallen. Schnuller rein, ein paar liebevoll schaukelnde Bewegungen im Arm der Mutter, Ruhe. Das Rauschen schräg über mir wird lauter, als wollte es das verstummende Kind ersetzen. Der Platzregen trommelt jetzt auf angenässte Blätter, auf Fenster, Hausmauern, Menschenköpfe, Hüte, Regenschirme, Plastiktüten, zwischen Zehen in Sandalen hinein. Unten im Hof bilden sich die ersten Pfützen, auf den Strassen draussen: Schiffe, kleine Boote, dazwischen mehr oder weniger verzweifelte Matrosen. Backbord, Steuerbord, ich kannte noch nie den

Unterschied. Ich hole mir ein Glas Wasser. Regen macht mich durstig, wird mir auf dem Rückweg von der Küche klar. Strg + S, speichere ich immer wieder zwischen, der Regen macht weiter, unbeeindruckt. Es ist soweit, der erste Donner. Unaufhörlich, als wäre er der erste seiner Art, brüllt er die Erde an, manche Menschen geraten ins Schwanken.

Ein guter Zeitpunkt, um einzusteigen.

Ich fange also an.

Ich stehle Adlers Geschichte.

Gestern erst war Adler zu Besuch. Da regnete es noch nicht. Wir unterhielten uns gut. So gut, dass ich von meinem Plan noch immer nicht Abstand genommen habe. Und nun regnet es draussen cats and dogs, das heisst: der Zeitpunkt könnte nicht besser sein. Ich setze meinen Plan in die Tat um und stehle Adlers Geschichte.

Adler muss «etwas für sich tun». «Etwas für sich tun müssen» hört man sonst nur aus ambitionierten Mündern, die erst kürzlich ihre Unterschrift unter einen Mogelvertrag gesetzt haben. Für die Nutzung eines 24-Stunden-Fitnessstudios, Fusspilz inklusive. Es ist, wie die Seele an den Teufel zu verkaufen, nur einfacher. Adler muss auch etwas für sich tun (auch ohne Anführungszeichen). Das unterscheidet ihn nicht von den Fitnessknechten. Worin er sich aber von ihnen unterscheidet, ist, dass er keinen Fitnessstudio-Vertrag mit Knebelklausel hat, noch nie gehabt hat. Vertrag hin oder her: das ändert nichts an der Notwendigkeit, dass er etwas unternehmen muss, »etwas für sich tun muss«. Er überlegt, findet viele Möglichkeiten, wie das geschehen kann. Ihm fällt ein: Malen, Fotografieren, Musik Machen, Schreiben; Kunst. Er entscheidet sich, schwimmen zu gehen. In einem städtischen Hallenbad will er es angehen, ausbrechen aus den vorgefertigten Bahnen, die Gesellschaft und Leitungsdruck hinter ihnen herziehen, wie arthritische Hände den angeleinten Lumpi. Simmeringer Bad, Kombibad der Stadt Wien. Dorthin würde er fahren, nicht weit von seiner Wohnung entfernt. Das Schwimmbad würde irgendwie schon erkennen, dass er einer aus der Hood war, quasi. Ansonsten würde Adler auch in ein Schwimmbad am Floridsdorfer Bezirksrand oder eben dem Hietzinger, Penzinger, ganz egal, fahren. Zeit hat er, Job keinen. Doch weil er daran glaubt, mit gutem Grund in der Nähe des Simmeringer Kombibades zu wohnen, fährt er dorthin.

Er bezahlt den Eintritt, dehnt seine überschwängliche Begrüssung unnötig lange wie einen Kaugummi. Die ältere Dame hinter der Glasluke wundert sich vier Monate vor ihrer anstehenden und lange herbeigesehnten Pensionierung nicht über Adlers Begrüssung. Es ist ihr «herzlich egal», was Adler wiederum nicht weiss. Weil ihm nichts weiter zu sagen einfällt, blickt er zu Boden und sieht nicht, wie die ältere Dame das Wechselgeld aus der Lade zählt. Er sieht nicht, wie die geschwollenen, durch Ringe (an jedem Finger mindestens einer, Gold, – auch auf beiden Daumen) abgebundenen Finger neben das herausgezählte Geld den Garderobenschlüssel legen. Würde er hinsehen, würde er vielleicht die roten Nägel bemerken, die ihre zehn Ringfinger wie eine angesengte Königskrone aussehen lassen. Er sieht nicht hin und nimmt das Restgeld, der Garderobenkästchenschlüssel daneben bleibt von ihm unbemerkt liegen. Auf sein stotterndes Fragen hin, wie das mit dem Umziehen genau vor sich gehe, zeigen ihre roten langen Fingernägel auf den selbsterklärenden Schlüssel, direkt vor Adlers Nase. Statt einem Anhänger baumelt ein Armband am Schlüssel. Adler versteht und dann macht er doch noch irgendwie alles richtig. Findet er, und ist zufrieden mit sich.

Schwimmbadumkleidekabinengeruch. Hinein mit dir, Adler, Kleidertausch und rein ins Vergnügen, kalte Nass, kühle Blau, in die Suppe aus Menschenhaaren, Chlor und Kinderpisse. Doch zuvor: umziehen. In der kleinen orangewändigen Kabine zieht Adler sich zuerst aus, dann wieder an. Ich weiss nicht, wie Adler zu seinem Körper steht. Darum weiss ich nicht, ob er sich mit seinem Spiegelbild »auseinandersetzt«. Vielleicht gefällt ihm, was der Spiegel vor seine noch strassenbeschuhten Füsse wirft, vielleicht spricht er zu sich selbst, flüsternd. Vielleicht mag er, wie sein Körper in dem samtigen Licht (Orange der Kabinenwände vermischt mit den Neonröhren an der Decke, dazwischen Gitter) aussieht. Weil ich von alledem nichts weiss, bleibt mir nichts anderes übrig, als das auszusparen.

Ohne Badeschlappen (das nächste Mal wird er die mitnehmen) und ein Handtuch unter den Arm geklemmt, Garderobenkästchenschlüssel fachgerecht um das Handgelenk gebunden, macht er sich auf den Weg in die Halle. Obwohl es Hallenbad heisst, scheint der Begriff hier unnatürlich, im falschen Kontext auftauchend. Adler fühlt sich ähnlich, als er realisiert, dass es hier keine Sitzplätze gibt, die zum Verweilen einladen, wie das im heimischen Dorfbad der Fall ist. Die spärlich aufgestellten Liegen sind in festem Besitz der Liga der schwimmenden Pensionisten. Jede Liege besetzt mit einem übergrossen Bauch, dazu Glatzen und blaugewellte Haare unter Schwimmhauben. Wo das Handtuch aufbewahren? Ein erstes Zögern in Adlers Gefühlswelt. Er kehrt um, zurück in den Umkleideraum mit dem unverkennbar typischen Geruch. Als er das zweite Mal eintritt, bemerkt er nichts, was er nicht auch schon beim ersten Mal bemerkt hätte. Er öffnet seinen Schrank, verfrüht, denkt er, legt das Handtuch hinein und geht zurück – in die Halle. In der Halle: frei von lästigem Besitz, ohne Badeschlappen, nun auch ohne Handtuch, lässt er seinen Körper, zu dem es nichts zu sagen gibt, ins Wasser gleiten, ohne auf das Ende der Einstiegsleiter zu warten. Er schwimmt, zuerst tollpatschig.Es mag an einen Hund erinnern. Dann figured er ziemlich schnell, wie das hier läuft.

Es gibt Bahnen im Becken. Unsichtbar, aber es gibt sie und man kann nur in den Bahnen schwimmen oder man kann gar nicht schwimmen und wenn einer nicht schwimmt, dann kann auch kein anderer mehr schwimmen. Doch alle wollen schwimmen und darum muss man sich an die Bahnen halten. Bahn also. Eine auswählen. Adler hängt sich einfach an einen dran. An einen, der im Delphinstil durch das Becken gleitet. Adlerkommt ihm nicht nach. Später, zu Hause, wird er dann ein Youtube-Tutorial ansehen: «How to swim butterfly». Er wird glauben, dass Delphinstil auf Englisch so heisst. Im Moment aber: schwimmen, ohne Stilbezeichnung. Er heftet sich an die Fersen dieses Typen, der Delphin schwimmt, brilletragend. Braucht Adler eine dieser Profibrillen? Vielleicht wenn er dann Schmetterling schwimmt. Noch jedenfalls braucht Adler keine. Er versucht hinter dem Schwimmer zu bleiben.

Da passiert es. In der Bahn neben ihm ein Zusammenstoss. Zwei Herren, zwischen denen ein halbes Jahrhundert liegt. «Passt doch auf!» hört er und vermutet, dass der Jüngere gerade vom Älteren gescholten wird. «Oida, pass doch selber auf!» – der Junge nun am Wort. Adler liegt richtig, fühlt sich zwischen Luft holen und Wasser verschlucken bestätigt, hält Ausschau nach den Fersen seines Vorschwimmers. Der Delphin: weit abgeschlagen von Adler, schon am Beckenrand. Adler kommt nicht nach. Überrundet, schon wieder. Adler schwimmt weiter, endlich Beckenrand, er dreht um. Das geht noch nicht so flüssig, braucht noch Übung. Aber das Schwimmen in der Bahn läuft dafür von Runde zu Runde besser. Geschmeidiger irgendwie, kommt es Adler vor. Die Fersen, denen er nicht nachkommt, begegnen ihm jetzt wieder. Er blickt ihnen nach. Nur kurz. Der Delphin ist also nicht einzuholen. So viel ist für heute klar. Nur Adler nicht. In der Bahn schwimmend, ungeachtet der nächsten Überrundung, kämpft er mit sich und gegen sich und gegen den Delphin und die Fersen, mit allem, was er hat. Anstrengung in jeder Körperzelle. Dann zurück am Unfallort: Adler wird langsamer. Die Unfallbeteiligten stehen jetzt im Wasser und diskutieren heftig. Eine willkommene Form der Unterbrechung, Adler passiert in gemächlichem Tempo. Gesprächsfetzen, undefiniert, gelangen in Adlers nasse Ohren, ein Wellenbad an Stimmen im Gehörgang. Wahrscheinlich hält der Alte dem Jungen einen Vortrag über fehlenden Respekt in der Handygeneration. Smartphone sagt der Alte sicher nicht. Adler am andern Beckenrand. Im Umdrehen sieht er den Fersen des Delphins ins Gesicht. Überrundet, schon wieder. Adler schert sich nicht mehr um ihn. Wenn er sich nicht hetzt, langsame gefühlvolle Bewegungen macht, schwimmt er schöner, haltungstechnisch, glaubt Adler nun also. Er schwimmt jetzt »über Kopf«: so halten die Pensionisten ihre Schwimmhauben trocken. Auch die Wendung am Ende der Bahn bekommt er so viel besser hin. Weiterer Effekt: Erhört nun, was der Alte und der Junge sich zu sagen haben. Was eine ganze Menge sein muss, in Anbetracht der Tatsache, dass sie immer noch im Wasser stehend diskutieren, als wäre das Becken ein geflutetes Podium.

»Man muss schon schauen! Auf die andern. Und man muss auch Rücksicht nehmen«, der Alte. Adler zählt überschlagsmässig, wie oft der Alte das wohl gesagt haben mag. Immer und immer wieder, vermutlich. Dazwischen Vorwürfe, Gerede von Respekt, Tradition, Generationenverallgemeinerungsblabla. »Man kann nicht einfach blind durch die Gegend schwimmen und so rücksichtslos anderen gegenüber sein!«, wieder der Alte, nun etwas lauter. Der Junge verdreht die Augen. Der Alte steht, immer noch, Fels-in-der-Brandung-mässig und schimpft. Adler greift ein. Um ihn zu retten. Der Delphin schwimmt auf dem Rücken, sieht nichts, schwimmt beinah in den Alten. Adlers rechtzeitiges «Vorsicht!» verhindert einen weiteren Zusammenstoss. Adler, du Held. Verdutzt schaut der gerettete Alte umher, der Delphin schwimmt nach einem Kopfschütteln weiter, auf dem Rücken. Adler zögert, sagt dann: «Man muss schon Rücksicht nehmen! Man kann nicht einfach blind im Schwimmbecken herumstehen!» Der Alte: Mund offen, keine Antwort. Adler schwimmt weiter.

Später: Umkleidekabine mit den orangen Wänden und dem Samtlicht. Im Hintergrund das Prasseln der Duschen. Gelächter, durch Wasserdampf wie durch Watte zu hören. Der umgezogene Adler packt alles in seine Tasche, wischt vereinzelte Wassertropfen mit dem Handrücken von der Sporttasche, kontrolliert, ob er den Garderobenschlüssel griffbereit hat. Beim Zurückgeben würde er sich verhalten, wie einer, der schon Jahre zum Schwimmen hierher kommt, ins Simmeringer Kombibad. Schlüssel in der Jackentasche, check, Abgang. Zeitgleich als Adler den Umkleideraum verlässt, kommen die lachenden Stimmen aus der Dusche. Zwei dampfende Körper, deren Gesichter Adler im letzten Moment erkennt. Der Alte und der Junge. Keiner der beiden mehr feindselig gestimmt, keineswegs. Adler ist neugierig, sucht nochmals nach dem Schlüssel, um Zeit zu gewinnen. Er gibt sich zerstreut, kratzt sich am Kopf, geht zurück in dieselbe orange Kabine. Er sperrt sich ein. Das war dumm. Wieso sollte sich einer, der bloss seinen Schlüssel sucht, in einer Kabine einsperren? Adler bleibt in der Kabine, stumm, keine Regung, gespitzte Ohren. Der Alte und der Junge reden. Er hört nicht genau, worüber. Ihre Stimmen klingen freundlich, fast schon freundschaftlich. Während er nichts von dem Gespräch der beiden versteht, wird ihm klar, wie lächerlich das hier ist. Er kann nichts tun.

Doch, er könnte schon, doch… Würde er? Es wäre bizarr. Adler beschliesst, die beiden ihrem Schicksal zu überlassen, nicht mehr zuzuhören. Er öffnet die Kabine, schwingt seine Tasche über die linke Schulter, rechte Hand in der Jackentasche, den Garderobenschlüssel umklammernd. Er geht raus und hört gerade noch, wie der Junge zum Alten sagt: »Ich geh normalerweise auch zwei Mal die Woche hierher.« Dann ist Adler ums Eck und weiss nicht, wie es weitergeht mit dem Alten und dem Jungen.

Ich sollte wohl die Rahmenhandlung zu einem Ende führen.

Draussen prasselt der Himmel auf die Erde, das Meer füllt den Horizont aus, begräbt die Stadt unter ihren Wellen. Drei Mal so oft Regen. Warum nicht auch am Ende Regen?

Es geht weiter: Es geht nicht weiter.

Es ist vorbei. Ich habe Adlers Geschichte gestohlen.

Der Regen ist vorbei. Von draussen drückt die Hitze in das Innere der klimatisierten Häuserreihen. Die Sonne bringt Trägheit über die Stadt, verschont niemanden, während Adler im Simmeringer Bad seine Runden zieht.

Camena Fitz

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