Das eine und das andere Berlin

Die Beobachtungen von Max Frisch, als Schweizer in Berlin ein Vonaussenkommender («Es überrascht mich jedesmal: Sie als Schweizer. Das stimmt ja und stimmt nicht», S. 133), und sein Verstehen-Wollen der DDR, wie das soziale Miteinander in einem letztlich undurchschaubaren Staat funktioniert, der die Grundlage für gegenseitiges Vertrauen untergräbt; die Befangenheit und die Besonnenheit, die Bedeutung der Literatur in all dem; seine Beobachtungen zeigen uns heute auf, was damals aus Westberlin aus kaum jemand sehen konnte.

Heute, wo in Berlin von der Mauer fast nichts mehr vorhanden ist und ausser dem Touristenschwarm beim (nachgebildeten) Checkpoint Charly und der East Side Gallery auch nichts darauf hindeutet, dass sich die Stadt noch daran erinnert, dass sie einmal zweigeteilt war, heute, in derselben Stadt, die in vielem nichts mehr mit dem zu tun hat, was Frisch sah, aber viel mit dem, was man heute in allen Grossstädten sieht (auch wenn sich einige Teile der ehemaligen Westbezirke, wie Friedenau, wo Frisch lebte, kaum verändert zu haben scheinen; Kleinbürgerlichkeit bleibt Kleinbürgerlichkeit), fällt jeder von aussen kommende, beobachtende Blick in Berlin, früher oder später auf Neukölln – genauer auf die Sonnenallee: oder die Arab street, wie die syrischen Flüchtlinge sie nennen, die Strasse, die in Berlin die grösste Bedeutung für sie hat: hier, wo sie einkaufen, weil man Supermärkte mit Produkten aus der Heimat und arabisch beschrifteten Lebensmitteln findet, hier wo es syrische Restaurants, Cafés und Shisha-Bars gibt (die sich alle vor Jobanfragen kaum retten können), hier, wo in ganz Berlin am meisten Arabisch gesprochen wird, hier, wo man stundenlang anstehen muss, vor dem Bürgeramt, der Sparkasse. «Man vergisst hier nicht einen Augenblick lang, dass man anderswo ist» (S. 133). Berlin ist anders als Deutschland, und Neukölln ist anders als Berlin. Gerade deshalb wäre es für Deutschland so wichtig, hinzusehen, was hier passiert – und was nicht.

Nach den Jahren im Krieg, wo – darin dem damaligen Ostberlin wohl sehr ähnlich – der Grundsatz gilt, dass man niemanden vertrauen kann, wo vielleicht das eigene Viertel, das eigene Haus zerstört wurde, wo man Freunde und Familienmitglieder verloren und andere in die verschiedensten Weltteile hat fliehen sehen, man selbst die Flucht nach Europa auf sich genommen hat, weil das Fortschreiten des Krieges sämtliche Grundlagen für ein zukünftiges Leben zu zerstören droht, was findet man da, wenn man es bis nach Berlin geschafft hat? Nicht viel. Es sei denn, man hat Verwandte, die bereits hier sind, aber auch das ändert nicht viel, denn sie werden ausgelastet sein mit dem Versuch, sich eine Existenz aufzubauen. Was man antrifft, sind unzählige zu absolvierende Behördengänge, die Kaltschnäuzigkeit der Beamten, die sich anscheinend trotz vorhandenen Englischkenntnissen oftmals weigern, auf Englisch Auskunft zu geben, der harte Wohnungsmarkt in Berlin, wo die Wohnungssuche auch für deutschsprechende Gering- und Normalverdienende einem 2-Jahres-Teilzeitjob gleichkommen kann, die im Vergleich zu Syrien horrenden Preise, die mit dem ständigen Fallen des syrischen Pfundes noch horrender werden, die ungewohnten Laute, langen Worte und grammatikalischen Absurditäten der deutschen Sprache, das – zumindest vorübergehende – Verlieren der beruflichen Qualifikationen, und die Einsicht, dass alles viel länger dauern wird, als man es sich erhofft hatte: und zwar viel länger. Jeder einzelne Schritt in Richtung heimisch werden, das Erhalten jedes einzelnen Dokuments, das für das neue Leben hier nötig ist (und das sind der deutschen Bürokratie entsprechend nicht wenige), ein zermürbender, ein lähmender Kampf. Und diese Kämpfer sind wie die Obdachlosen ein Teil dieser Stadt, der von den anderen Teilen weitestgehend ignoriert wird, von den Bewohnern der reicheren Bezirken sowieso, aber auch die, die ihre Lebenswelt direkt mit den geflohenen Syrern und Syrerinnen teilen, scheren sich kaum um sie. Man merkt erschreckend wenig davon, was das Leben für die Geflohenen hier bedeutet, überhaupt merkt man ausser in Neukölln und entsprechenden anderen Orten erschreckend wenig davon, dass sie hier sind. Und wenn es doch zu Kontakt kommt, dann verhalten sich die Deutschen, die Europäer seltsam abwehrend, als wäre die blosse Anwesenheit des anderen ein Angriff, als würden sie einer Lawine von unausgesprochenen Forderungen oder Vorwürfen gegenüberstehen, und keinem Menschen, der vielleicht einfach nur nach dem Weg fragen will. Kontaktscheu aus Angst, der Blick auf das eigene Leben könnte sich verändern – oder weil man grundsätzlich den Kontakt mit Menschen meidet, deren Geschichte einen berühren könnte?

Was für viele Anziehungskraft und Besonderheit dieser Stadt ausmacht, die Freiheit, die Berlin einem gewährt, weil jeder den anderen in Ruhe lässt, egal wie abgefahren oder durchgeknallt man sein mag, bedeutet dann, wenn man auf Hilfe angewiesen ist, Ablehnung und Ausstossung. Die refugees welcome Sticker, die das Stadtbild zieren, müssten ehrlicherweise wealthy expats and tourists welcome (refugees are allowed to come here as well, but we are clearly not going to help you) Sticker sein. Manchmal möchte ich nach Prenzlauer Berg fahren und die Leute in ihrer Holzspielzeug/Columbia Excelsio Espresso (Decaf)/Englisch für Kleinkinder/Hundeyoga-Welt fragen: Wisst ihr eigentlich, was in dieser Stadt gerade passiert? Der Unterschied zwischen dem kreativen Dreitagebärtigen im weissen Shirt, das aussieht wie ein normales weisses Shirt, aber zwanzigmal mehr kostet, weil es eben von diesem einen bestimmten Label ist, dessen grösstes Problem die Auswahl aus seinen hundert Paar Sneakers ist, und dem Leben des geflohenen Syrers, ein paar U-Bahnstationen weiter, der auf hundert Wohnungsanfragen eine einzige Antwort bekommt, die natürlich ein Betrugsversuch ist, könnte grotesker kaum sein. Aber die Mauer, die diese Welten trennt, die wohlhabenden und zu Ende gentrifizierten Bio-Stadtteile von den armen, durchmischten, von ersten Gentrifizierungswellen heimgesuchten „Problemvierteln“ nennt sich nicht nur Segregation. Sie nennt sich auch Desinteresse, Ignoranz, Verleugnung, Vorurteile und Egoismus – und sie verläuft in jedem Kopf, im Denken jedes einzelnen: wo ich nicht hinsehe, das gibt es nicht, oder: was mich nicht direkt betrifft, geht mich nichts an. Und anders als die Mauer, die Ost- und Westberlin voneinander trennte, kann man diese Mauer nicht von aussen einreissen. Sie könnte nur dann zum Fall kommen, wenn jeder einzelne seinen eigenen Anteil an der Mauer sprengte.

Laura Basso

Ein Kommentar

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  1. Schön eingefangen bis und mit dem Satz: „Man merkt erschreckend wenig davon, was das Leben für die Geflohenen hier bedeutet, überhaupt merkt man ausser in Neukölln und entsprechenden anderen Orten erschreckend wenig davon, dass sie hier sind.“ Dem ich zustimme. Und im Übrigen gibt es nicht nur die Syrer, sondern fährt man etwa ins Salvador-Allende-Haus, weit weit nach Köpenick, abgetrennt vom Rest, trifft man auch auf kosovarische Romas, deren Chance auf Asyl gleich null ist, was sie aber noch nicht wissen unter Umständen, oder stillende Eritreerinnen oder perfekt deutsch sprechende iranische Schulkinder.

    Danach folgt eine sehr verallgemeinernde Kritik: „Und wenn es doch zu Kontakt kommt, dann verhalten sich die Deutschen, die Europäer seltsam abwehrend, als wäre die blosse Anwesenheit des anderen ein Angriff, als würden sie einer Lawine von unausgesprochenen Forderungen oder Vorwürfen gegenüberstehen, und keinem Menschen, der vielleicht einfach nur nach dem Weg fragen will.“ – Beispiele? Finde ich allzu allgemein und behauptet. Und auch: von oben herab – nimmt die Autorin sich aus? Macht sie es anders? Im Übrigen gibt es Treffs ohne Sticker, wo Menschen mit und ohne Marken-T-Shirts und Geflüchtete mit tollen Sneakers sich zusammentun, um beispielsweise Musik zu hören – vielleicht sind darunter auch Spanier, die vor keinem Krieg geflüchtet sind, aber vor der Arbeitslosigkeit und sich jetzt mit miserabel bezahlten Kulturprojekten herumschlagen. Die Welt ist bunt. Nicht schwarz und weiß.

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