Das Wolkenkrematorium

Schon wieder war Pirx zu spät. Der Regen war auf den Nachmittag angekündigt und es war Mittag vorüber. Er verabschiedete sich von Oskar, der ihm freundlich einen guten Tag wünschte, sprang vom Floss ans Ufer und stahl sich auf Wieselsohlen durch das gefährliche Hafenviertel, wo die tätowierten Matrosen und die Hummernutten sich nach seinem verräterisch blanken Pelz umdrehten. Mit einem Kutschendienst liess er sich zu einem Maisfeld bringen, durch dessen Mitte eine breite Schneise gezogen war. Den letzten Weg zum Hangar machte er sich zu Fuss auf und schob leise die Abdeckung zurück, unter der sein violetter Doppeldecker zum Vorschein kam. Er kurbelte den Motor auf, während er sich tadelte, schon wieder die Zeit vergessen zu haben. Die Besuche auf Oskars Floss waren zur gefährlichen Routine geworden. Aber wenn Pirx übermüdet war und den Alkohol hatte verkaufen können, den er nachts auf dem Luftweg über die Grenze geschmuggelt hatte, war er froh um die Ablenkung. Oskar bewirtete ihn grosszügig und feierte mit ihm den neusten Verkauf. Um das Gürteltier, das immer im Anzug unterwegs war, hatte er erst einen Bogen gemacht. Wie es elegant durch das Hafenviertel flanierte, verkörperte es alles, was Pirx an Hochnäsigkeit fehlte, sobald er ängstlich und hastig, wie alle anderen Wiesel, mit seinen Fässern um Abnehmer buhlte.

Doch Oskars Freundlichkeit und sein Wissen über das Militärfliegen wirkten auf Pirx Friedriksen so bedrohlich wie anziehend. Nie zuvor hatte er mit dieser Leichtigkeit über die Finger-Fours und Immelmanns sprechen können und nie zuvor hatte er jemanden Freiherr Richthofens Selbstbewusstsein und «Mongoose» Sodens sexuelle Neurosen so zynisch gegeneinander ausspielen sehen. Oskar Condon, der viel las, lebte in einer Welt dieser Namen von Piloten und Flugzeugen und den unter ihnen in Gas- und Dreckwolken versinkenden Schützengräben. Pirx hatte oft nach einem Grund gesucht, sich die Treffen mit Oskar zu verbitten, doch die unnachahmliche Herzlichkeit und ehrliche Begeisterung Condons waren keine Täuschung. Selbst für die Tragödie mit seiner Schwester Swoosh interessierte er sich und bot sogar Hilfe an, doch Pirx lehnte kategorisch ab. Bei dem vielen Alleinsein waren die Referate über Militärformationen, die Oskar, auf dem Boden seines Flosses liegend, einen Strohhalm beim Sprechen im Mund, aus dem Gedächtnis vortrug, eine Befreiung.

Pirx machte sich zum Kühlraum auf, holte die Baronesse hervor und hievte sie auf den Hintersitz, der seit Swooshs Abschied unbesetzt geblieben war. Er schnitt ihre Körperteile vor, ein Bein sägte er ganz ab, damit ihr dicker Körper in den kleinen Sitz passte, und gurtete sie an. Er wirbelte herum, als er hinter sich ein Husten hörte. Der Onkel sass auf einem Bastsessel und rauchte.

«Ich weiss, ich bin spät», sagte Pirx.

«Du bist spät», sagte der Onkel.

«Ich weiss.» Er konnte dem erbärmlichen Blick nicht standhalten, der ihm sein Onkel zuwarf.

«Du enttäuschst mich.»

Pirx zitterte vor Wut. Oh nein. Er war enttäuscht. Die Schmuggeltransporte über die Grenze des County, die er geheim hielt, das illegale Feilbieten im Hafenviertel, das übernächtigte Arbeiten bei den Wolkenkrematorien, die er nun alleine abhalten musste, waren die Schuld seines Onkels. Er hatte seine Schwester aus Geldsorgen an Duke Miller, einen berüchtigten Sklavenhändler, verkauft. In seiner rauchenden Melancholie musste er den verführerischen Geldsäcken des Dukes verfallen sein, nun wurde sie als Sklavin auf einer Ranch gehalten und geschändet. Pirx‘ einzige Hoffnung waren die Alkoholpreise der Prohibition, die ihm eines Tages ihren Rückkauf ermöglichen konnten, sollte Duke Miller jemals auf ein Geschäft mit ihm einsteigen.

«Du bist wirklich sehr spät, der Regen setzt bald ein.»

Pirx schenkte seinem Onkel keine Beachtung, schwang sich durch die Flügel des Doppeldeckers hindurch und schlüpfte ans Steuer. Der Motor heulte auf, der Propeller keuchte. Als er in die Lüfte stieg, warf er prüfende Blicke auf die hin- und herschaukelnde Tote. Der Leichnam der Baronesse tanzte nur ein bisschen mit den Schultern. Pirx zog sich die Fliegerbrille auf und die Pilotenmütze über den pelzigen Kopf.

Er steuerte auf eine Cumulus congestus zu, die sich noch am Horizont befand. Unter ihnen rauschten farbige Felder und Äcker vorüber und auf den Strassen sah man Traktoren bummeln. Flüsse glitzerten und schlingerten wie Partyschlangen durch die Wiesen. Dazwischen standen Heissluftballonfelder und weit vor ihnen ein Herrenhaus mit einem Gartenfest, aus dem das Blech der tanzenden Bigband funkelte.

Badada-ts. Badada-ts.

Duke Miller fuhr in einem kupferfarbenen Wagen vor. Der Kies knirschte, als er um den Springbrunnen kurvte, und hinter der blütenweissen Ranch drang eine Melodie zu ihm, als der Motor verstummte. Die Bestattung hatte schon begonnen. Pfeifend liess er die weissen Handschuhe schnappen und stieg aus seinem Bour-Davis, an dessen Steuer sich der Butler setzte. Der Duke zwirbelte an seinem längs bis zu den Ohren ausgreifenden Schnurrbart, während er die wallende Mähne in Ordnung schüttelte und die Treppe hochstieg. Er wanderte durch den Korridor, aus dem ihm der Geruch gebrannter Mandeln und verschütteten Bourbons entgegentrat. Salomé, die Bedienstete, begrüsste ihn mit einem Knicks und führte ihn zum Hinterausgang. Bevor Duke Miller über die Schwelle trat, sah er über die Schulter zurück und erkannte einen Schatten, der durch den Korridor huschte.

Er blinzelte das Trugbild weg und wandte sich dem sonnenüberfluteten Garten zu, der sich zu seinen Füssen von der Treppe bis zu den fernen Pappeln erstreckte, und den er, an die Ballustrade gelehnt, gänzlich überblicken konnte. Von der marmornen Terrasse aus sah man die Lampions, die an langen Schnüren zwischen den zu allen drei Seiten den Garten umstellenden Bäumen hingen, den Teich, über den sich eine Trauerweide erhob und aus dem das Quaken der Frösche scholl, den farbigen Pavillon, auf dessen Dach ein asiatischer Schwertschlucker sein Können vorzeigte. Unter dem Dach spielte die gold-rot kostümierte Bigband ohne zwischen den Liedern abzusetzen und der blecherne Klang der Tubas und Trompeten blies dem Herrenhaus mit der frischen Sommerbrise entgegen, dass die Wände wummerten. Junge Frauen, mit nicht mehr als pistaziengrünen Handschuhen und Sonnenhüten bekleidet, spielten davor Croquet, indem sie durch pelzige Tore zielten, die vor Anstrengung leicht zitterten. Sie hoben die Hand, um dem Ankömmling lachend zuzuwinken.

Als er kam, grüsste der Baron überschwänglich, rutschte beswingt vom Stapel der mit Dollarzeichen versehenen Goldsäcke, die auf der Terrasse aufgeschichtet waren, und lüpfte den Zylinder, als er vor ihm landete.
«Sieh an, der Duke. Badada-ts.»

Die Schönheit des jungen Barons schien auf einen so prächtigen Tag nur gewartet zu haben und strahlte mit den tanzenden Posaunen in der Mitte des Gartens um die Wette.

«Ich kondoliere herzlich. Sie war eine wunderbare Frau.»»
«Das war sie tatsächlich, Miller.»

Salomé brachte ihnen auf Handzeichen zwei Gläser Champagner und der Baron stellte ihm alle Persönlichkeiten vor, die sich auf der Terrasse befanden. Meistens begleitete er den Smalltalk mit Bada-ts, Badabumm oder ts-ts-ts-ts, die sich perfekt in die Rhythmen der Bigband einfügten. Alle verneigten sich vor dem Duke, der als Sklavenhändler und Gesetzeshüter einen versmokten Ruf genoss. Zwei Gespräche musste der Baron überspielen, weil dem Gegenüber die Stimme versagte, als der Duke das Monokel streng ins Auge klemmte. Der teuflische Blick, der daraus funkelte, verunsicherte selbst den Reverend. Ihm entging nichts. Er erkannte Swoosh problemlos auf dem Rasen. Eine der nackten Croquet-Spielerinnen versuchte die Kugel durch den durchgebogenen Körper des Wiesels hindurch zu zirkeln, traf aber die Arme und die Beine und einmal sogar den Bauch des aufquiekenden Tiers.

«Wie taugt Swoosh Friedriksen?»

«Wer?», fragte der Baron und machte dabei ein verdutztes Gesicht, dem jede Frau verfallen wäre.

«Das neue Wiesel, das ich dir verkauft habe.»

«Ach, es eignet sich gut, wie du siehst. Sie zittert etwas und ist noch hungrig, aber das pendelt sich schon ein. Eigentlich nicht so sicher, wofür ich sie später verwenden werde. Mir gefiel die Farbe des Prospekts, den du mir gegeben hast, und Plüsch geht immer, wie du weisst.»

«Du weisst ja, an wen du dich wenden kannst», sagte der Duke und bot sich mit einer Verneigung an.

«Hehe, alter Händler, verkaufst und kaufst wieder alles zum halben Preis! Ts-ts. Ts-ts.» Er blickte auf die Taschenuhr und sein Gesicht hellte sich auf. «Um vier Uhr ist das Gewitter angesagt.»

«Dann lasst ihr sie regnen?»

«Es war ihr letzter Wunsch.»

Der Baron tänzelte weiter über die Terrasse und schlug mit seinem Gehstock den Gästen auf die Hintern. Zwischen dem Lachen blickte er streng über die Ebene und hakte unnachgiebig nach, ob sich auch alle vergnügten. Es sollte die beste Luftbestattung werden, die das County je gesehen hatte. Der Duke klemmte das Monokol ins Auge. Das Wiesel entging ihm nicht und nicht, wie es jetzt, das Kreuz durchgedrückt, einen wehleidigen Blick in Richtung der nahen Trauerweide warf. Von dort bewegte sich etwas durch das Geäst auf das Haus zu und bevor ihm der Duke ganz hatte folgen können, sprang es an einem der Lampions hoch in ein offenes Fenster im ersten Stock. Duke Millers Schnurrbart vibrierte wie eine Wünschelrute, wenn etwas faul war, und hier war ganz sicher etwas faul. Er betrat den kühlen Salon und strich sich durch den Schnurrbart. Das Frack hinter den Körper werfend, flog er die Holztreppe hinauf, an deren Ende Salomé stand.

«Duke», sagte sie.

«Jetzt nicht.» Er drückte sich an ihr vorbei und horchte an den Zimmertüren.
«Ich muss dir etwas gestehen.»

Hinter einer Tür polterte es und der Duke schob sie vorsichtig auf. Die Bibliothek war dunkel ohne elektrisches Licht. Er trat ein und suchte das Zimmer ab.

«Ich habe es der Baronesse ins Essen getan, wie du gesagt hast.» Salomé schloss die Tür hinter ihnen und lehnte sich dagegen. Sie sah ganz hübsch aus in ihrem Kleid, aber der Monokelblick glitt durch sie hindurch. Der Schrank hatte sich bewegt. Er wollte darauf zugehen, doch Salomé stellte sich dazwischen.

«Das Testament war nicht dabei. Ich war in der Nacht sofort bei ihr und habe alles untersucht!»

«Wie bitte?» Das Monokel sprang aus dem Auge und für einen Moment war das Teuflische aus dem Blick des Dukes gewichen.

«Ich habe es nicht gefunden. Sie hatte keins.»

«Du hast das Testament nicht gefunden? Und was glaubst du, machen wir jetzt?» Er zückte ein Pergament aus der Westentasche. «Glaubst du, wir können das einfach öffentlich machen – was passiert, wenn das richtige auftaucht? Wir werden immer als Betrüger dastehen!»

Salomé brach in bitteres Weinen aus. «Ich dachte, wenn ich dir nur den Wunsch erfülle, könnte ich dich umstimmen. Gestern Abend noch warst du fest entschlossen, mich endgültig zu verlassen…»

Der Schrank wankte und darunter schoss ein schuppiges Geschöpf hervor, das in Richtung Tür davonrannte. Der Duke dachte kurz nach, drückte das Monokel ins Gesicht und hechtete dann dem Tier hinterher.

Er sah wie das Gürteltier am Ende der Treppe mit zurückgerollten Hemdärmeln fast lässig in den Salon spazierte. Er wollte ihm nacheilen, doch er warf noch einen Blick über die Schulter. Durch die offene Eichentür erblickte er Salomé, die auf den Fensterrahmen kletterte, um sich gleich neben dem Baron hinunterzustürzen, der, alle Viere ausgebreitet, inmitten seiner gestapelten Goldsäcke lag, den Zylinder und den Gehstock schwingend, über die Beerdigungsgesellschaft hinweg sein rhythmisch klackerndes Lachen scattete, das von der Ballustrade zu den nackten Mädchen und den verkrampften Wiesel-Toren hallte, die alle in den Himmel blickten, während nur unter dem Pavillon die Bigband nicht aufhörte weiterzuspielen, über der sich der knieende Schwertschlucker und über ihm durch viele hundert Meter jazzdurchtoster Luft eine zeppelinförmig aufgetürmte Wolke erhob, in die sich das Brummen eines Doppeldeckers bohrte.

Pirx sah zum Leichnam zurück. Die Baronesse schimmerte noch von der Balsamierung und nickte nachdenklich in den Turbulenzen. Pirx versuchte nach hinten zu steigen. Während er den Sprit über der Frau ausgoss, klemmte er die Zehen unter den Steuerknüppel, um die Balance zu halten. Er lag auf der Rumpffläche des violetten Doppeldeckers. Beim Aufeinandertreffen mit der Wolke begann es heftig zu rütteln. Die Fliegerbrille beschlug sofort. Alles war, von scharfen Blitzen abgesehen, dunkel. Er musste den Körper, den er in die vorbereiteten Teile zerpflückte, langsam abbrennen lassen, um die frische Asche zu zerstreuen. Noch hatte es nicht zu regnen begonnen. Im Strumpf der Baronesse fand er etwas Viereckiges. Das Couvert enthielt ein sorgfältig maschinenbeschriebenes Dokument. Pirx las es im stürmischen Wind. Mit dem Testament, so begriff sein Wieselverstand schnell, würde keiner, weder der Baron noch Miller, jemals glücklich sein.

Die Luft schien überladen und ein riesiges Gefängnis, in dem Atmen unmöglich geworden war. Dann, wie in einer grossen Entspannung, begann es leise auf den Stahl zu klopfen. Der Regen hatte eingesetzt.

Badada-ts. Badada-ts.

Die Bigband beteuerte den Swing. Oskar erkannte den Moment. Er rannte über den Garten, zog Swoosh, die er aus dem Spiel riss, an der Hand auf den Pavillon in der Mitte zu. Zwei Schüsse einer Schrotflinte knallten neben ihnen auf. Wenige Meter davor blieb er stehen und öffnete eine Klappe, die in den Boden eingelassen war und in die sie hineinsprangen. Sie führte in das alte Höhlensystem, das im letzten Krieg angelegt worden war: frühere Schützengräben, mit Stahlträgern verstärkt, die den Erdboden darüber hinweg führten. Sie hasteten durch die Katakomben der toten Nagetiere weiter in Richtung Hafen.

Über ihnen tanzten die Croquet-Spielerinnen in der schwarzen Asche des Donnerwetters, das nun in dicken Tropfen zur Erde fiel. Duke Miller, das Monokel ins Auge geklemmt, hatte im Dunst die beiden Tiere aus den Augen verloren. Ein Pfau bat ihn zum stolpernden Foxtrott, während rauchende Damen auf Fahrrädern um sie ihre Kreise zogen. Männer, deren karierte Mützen sich im Regen dunkel färbten, klatschten, während sie im aufschleudernden Dreck ihren Stepptanz vollführten. Das Feuerwerk funkelte über der marmornen Terrasse, auf der ein sich bis zum Garten ausbreitender, blauer Opiumrauch lag. Salomé hatte sich auf den Fensterrahmen gesetzt und trank, zutiefst gerührt, die Vorräte des Champagners, während sie zusah, wie der Regen den Teich über die Ufer schäumte und scheppernd den Rasen zersprengte. Der Baron jubelte im Wirbelsturm der Baronesse und die Wangen glänzten voll jugendlicher Schönheit unter dem Zylinder.

Badumm-ts.

Cédric Weidmann

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