Leibesübung

I

Am Wegesrand wiegten sich zartgrüne Blätter funkelnd in der Morgensonne und dann und wann flog ein überraschter Sperling auf, der sich zwitschernd davonmachte. Doch wir hatten nicht die Musse innezuhalten, sondern eilten flinken Fusses weiter auf der federnden Bahn unseres Pfades. Ich hatte Andres vorgeschlagen, bei unserem ersten Treffen joggen zu gehen und er hatte freudig eingewilligt. Seine gewaltigen Schenkel und seine vom bereits zwanzigminütigen Lauf kaum erhitzten Wangen deuteten darauf hin, dass er einiges mehr an körperlicher Ertüchtigung gewohnt war. Ich dagegen stand noch am Anfang meines Unterfangens, und so kostete es mich einige Anstrengung, mit ihm Schritt zu halten. Er hatte fachmännisch auf meine noch jungfräulichen Kenntnisse des Laufsports reagiert, mir die richtige Haltung erläutert und meine neuen Schuhe für tauglich befunden. Er liess mich seitwärts über Kreuz laufen und meine Arme beim Schreiten wie Zirkel kreisen. So liefen wir recht fröhlich ein paar Mal um den Irchelpark, und ich freute mich, eine so eifrige Begleitung für das Jogging gefunden zu haben, eine Betätigung, der ich mich nur widerwillig widmete.

II

Im Wald lief es sich herrlich bei der drückenden Hitze. Rhythmisch liebkosten William und ich den Kiesweg mit unseren Sohlen, sodass eine recht lustige Musik entstand. Mir war wohl, wie wir so recht fröhlich und vertraulich nebeneinander plauderten. Unsere Joggingroute führte uns kreuz und quer über den Hönggerberg. Als wir am Schluss unsere müden Muskeln dehnten, fragte er mich scherzend, ob ich mit ihm jogge, um seine Tauglichkeit als Liebhaber zu beurteilen. Ich verneinte lachend. «Nun ja, Frauen haben bekanntermassen die Macht, Männer zu allem Möglichen zu bewegen», insistierte er. «Ach ja?», erwiderte ich. «Wie aber kommt es, dass Männer sich zu allem Möglichen bewegen lassen?» Darauf wusste er sogleich keine Antwort, vermutete aber, dass es mit Geld, Status oder schlicht Einsamkeit zu tun haben müsse.

III

Ich hielt kurz an, um mir ein paar Kiesel aus den Schuhen zu schütteln. Mein linker Schuh hatte ein immer grösser werdendes Loch, sodass das Ausschütteln ein recht sinnloses Unterfangen war. Ralf war neben mich getreten und hielt mir etwas hin. «Schau, eine blaue Blume!», sagte er. «Das ist eine Kornblume», meinte ich und steckte sie mir hinters Ohr, doch sie haftete schlecht und fiel bald darauf zu Boden. Wir liefen nebeneinander her und setzten unseren Weg fort, der uns entlang der Limmat zu kleinen Einfamilienhäusern und nun wieder zurück ins urbane Häusergebirge geführt hatte. Die Sonne grüsste uns zu Abend und verschwand schliesslich gänzlich hinter den Hügeln. Kurz bevor unser Lauf zu Ende kam, schlug Ralf vor, den Abend bei ihm ausklingen zu lassen. Ich wimmelte ab, doch er liess sich nicht so leicht von seinem Vorhaben abbringen. Wir hielten an und ich sah ihn an, der ganz erhitzt vom Laufen dicht vor mir stand, so dass ich hören konnte, wie ihm das Herz schlug. Ich erklärte ihm, dass ich nur ein einziges Ziel hätte, nämlich meinen Körper durch Jogging in Form zu bringen. Ich sah in seinen Augen den Schmerz, welchen die Erkenntnis verursachte, dass unsere bisherigen romantischen Verabredungen zum abendlichen Laufen keine romantischen waren. Seine Pein spiegelte sich ebenso schmerzlich in meinen Augen und bevor es für beide unerträglich wurde, verabschiedete ich mich. Ich dachte eine Weile über das Verhältnis der Seele zur Logik nach, doch irgendwann verloren sich meine Gedanken in der gesättigten Ruhe der Nacht. Die Welt, dachte ich noch, ist doch eine bösartige Maschine.

Maya Wohlgemuth

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