Spielerwechsel: Wer wem leere Cornflakes-Packungen verkauft

Mit der Erzählfigur sprach Sarah Möller.

E: Schiessen Sie los.

M: Danke für das Gespräch.

E: Sind wir schon fertig?

M: Ich dachte nur, dass Sie dieses Gespräch nicht mit Vorfreude erfüllen würde.

E: Dieses Raucher-Café ist ein guter Anfang.

M: Gewiss. Ich habe lange darüber nachgedacht, wo ich anfangen soll.

E: Kann ich mir denken. Da muss man ganz schön einfallsreich sein – das ist nicht wie mit dem Einsortieren der Cornflakes-Packungen.

M: Missfiel Ihnen diese Tätigkeit vielleicht gerade deshalb? Quasi die einfältige Ordnung in der schier endlosen Formlosigkeit?

E: Also die Cornflakes-Packungen waren ja auch leer. Ich meine, da kann man sich schon fragen, wozu das alles.

M: Gewiss, eine anregende Bemerkung. Als Kritikerin erinnert mich Ihr griesgrämiges Einsortieren von inhaltslosen Hüllen unweigerlich an die schicksalhafte Grundsituation eines jeden Poeten. Denken Sie nur: Eine nach der anderen. Immer fünf hintereinander. Gerade in vier Reihen…

E: …Wort an Wort, Zeile um Zeile – wahrhaftig! Dass Worte leer sind, weiss ich aber schon seit meinem ersten Schultag. Deshalb hilft ja meistens auch nur eins in die Fresse.

M: Ihre latente Aggressivität ist mir auch aufgefallen.

E: Man muss eben immer die Folgen bedenken. Thomas Bernhard hat einmal in einem Interview gesagt, dass er jeden Tag mehrere Menschen umbringen könnte. Weil das Gefängnis aber die unmittelbare Konsequenz dessen wäre, verzichte er auf das Morden.

M: Gab es denn da ein Gefängnis?

E: Woher soll ich das wissen, mein lieber Schwan! Ich meine, streng genommen weiss man ja nicht einmal, ob es da einen Supermarkt gab! Das war halt einfach so inszeniert als ob.

M: In der Tat, inszeniert. Aber nicht, um ein Geschehnis für die Literatur zu reproduzieren, sondern um eine Begebenheit zu schaffen, die es ohne Kunst nicht gäbe. Deshalb scheint das alles so grotesk und deshalb ist ja auch der Einkaufszettel kein wirkliches, sondern ein wortwörtlich literarisches objet trouvé.

E: Soll das jetzt heissen, dass nicht nur das Einsortieren der leeren Cornflakes-Packungen, sondern auch dieser hirnamputierte Einkaufszettel poetisch ist – oder wie jetzt?

M: Es sind beides Momente, in denen eine Auseinandersetzung mit Sprache und Literatur stattfindet – die also, wenn man so will, poetologisch sind.

E: Und auf diese hoffnungsvollen Stellen werft ihr euch dann wie die Aasgeier. Du bist nicht die erste Rezensentin, die mir damit kommt und behauptet, zerknüllte Einkaufszettel seien Poesie des Alltags. Ich meine einfach, Leute wie Du – da kann man noch viel sagen, wenn der Tag lang ist. Schau, wir hatten einfach diesen Auftrag mit der Sirene und dem WECHSEL und das ist uns dann irgendwann auf den Wecker gegangen. Fertig.

M: Gewiss. Mir ist das Phänomen von Klugschwätzern, die Einkaufslisten – als wären sie postmoderne DADA-Gedichte – bewundern und sammeln, geläufig. Kennen Sie vielleicht von Peter Handke Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt?

E: Ist das dieser Band mit der japanischen Hitparade und der Aufstellung des 1. FC Nürnbergs und so? Natürlich geht es da dem Handke darum, dass es bei der Literatur auch auf die Rezeption ankommt. Ich meine, wenn der einfach so die Spieleraufstellung eines Fussballclubs abdrucken lässt…

M: Sehen Sie, das ist ja gerade der springende Punkt! Der Einkaufszettel steht prominent im Zentrum und um ihn herum geht ein diffuses und obsoletes Wechselspiel über die Bühne, bei dem es darum geht, wer wem leere Cornflakes-Packungen verkauft.

E: Aber da ist ein Fehler. Da gleitet dir etwas zwischen deinen schweissigen Kritiker-Händen hindurch, denn da steht nicht Wechselspiel, sondern Spielerwechsel.

M: Eine Knacknuss, in der Tat. Spielerwechsel kenne ich eigentlich nur aus dem Fussball.

E: Dann wären wir also wieder beim 1.FC Nürnberg?

M: Nein. Ich meine, Spielerwechsel ist einfach irreführend – das sollte eigentlich Rollentausch oder so heissen.

E: Gewiss, Du massierst Dir die Schläfen. Hast Du Kopfschmerzen?

M: Das war jetzt einfach ein bisschen unfair, wegen dem Fehler und dem Angriff auf meine Deutung.

E: Wirst Du mich jetzt ohrfeigen?

M: Es hätte keinerlei Folgen.

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