Der Chamisso-Preis und die Nächstenliebe

Ein Gastbeitrag von Gian Fermat

Glaubt man es? Die Schweiz feiert ihren Buchpreis, der Kampf darum ist abgeschlossen, jedoch ein anderer Preis, einer der – verzeihe es mir, liebe Schweiz – unserer Gesellschaft so viel mehr Gutes getan hat, geht sang- und klanglos unter. Ich meine natürlich den Adelbert-von-Chamisso-Preis. Kann es einen ungünstigeren Zeitpunkt geben, einen Preis, der deutschsprachige Literatur von jenen Autoren auszeichnet, welche explizit aus einem anderen Kulturkreis kommen, oder gar wie Chamisso selbst Deutsch nicht als Muttersprache sprechen, abzuschaffen? Unter den tausenden von Menschen, welche gerade in dieser Zeit nach Europa reisen, kann diese Entscheidung den Eindruck nicht verhindern, dass fremdenfeindliche Motive und der politischen Stimmung Europas angepasste Kunstvorliebe hier eine unterschwellige Rolle spielt. Aber wer wäre ich, der Robert-Bosch-Stiftung solcherlei zu unterstellen? Viel eher und wichtiger ist die Betonung der Notwendigkeit dieses Preises. Die Stiftung erklärte ihren Entschluss damit, dass sie ihr Ziel als erfüllt ansehe. Die Migrationsliteratur – eine Bezeichnung, welche den Begriff Gastarbeiterliteratur ablöste – sei längst im literarischen Mainstream angekommen. Sie würde zur Genüge von Preisen gewürdigt und gefördert, welche sich nicht explizit mit ihr befassten und während in der Mode ein Trendsetter sich feiern lässt und ermutigt bereits an das nächste Jahr denkt, den anderen immer einen Schritt voraus, scheint diese Entwicklung im Literaturbetrieb zu bedeuten, dass man überflüssig geworden ist.

An den Rändern Europas stehen unglaubliche Mengen an Menschen. Keiner sagt, dass das eine entspannte Situation für uns wäre. Toleranz, Respekt, Menschenliebe, diese Steigerung ist keine Selbstverständlichkeit, sie muss immer weiter erkämpft werden. Sie muss immer weiter getrieben werden. Diese Gewissheit – wenn auch alles andere sich als falsch herausstellen würde – ist klar. Der Kampf aber hin zu einer solchen Klimax geschieht nicht in jedem von uns allein. Er geschieht hingegen mit dem, den wir zunächst tolerieren, dann respektieren, um ihn schlussendlich zu lieben. Unser Gegenüber vermag uns mit seiner Geschichte zu helfen, diese Klimax zu gehen. Nicht anders als durch die Erzählung vermögen wir, dass was wir eine offene Gesellschaft nennen.

An den Rändern von Europa stehen tausende Menschen. Sie alle haben eine Geschichte zu erzählen. Wir müssen sie alle hören. Nur weil der literarische Mainstreambetrieb ein zwei Autoren auszeichnet, welche von der Türkei nach Deutschland kommen und ein Buch darüber schreiben, wie bittersüss das Leben in Berlin oder Boppelsen ist, bedeutet das noch nicht, dass die wahre Aufgabe des Chamisso-Preises erfüllt ist. Die Natur dieser Aufgabe erlaubt nämlich nicht ihre Erfüllung. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass es sich um eine Sisyphusarbeit handelt. Der Stein rollt nicht am Ende des Tages hinab, der Berg ist bloss unendlich hoch. Der kulturelle Reichtum einer Gesellschaft kennt keinen abnehmenden Grenznutzen. Der Chamisso-Preis stellt sicher, dass wir diesen Reichtum auch weiter steigern. Jede Geschichte, die in den Köpfen der Migranten steckt, erweitert unseren Horizont und unseren Respekt um ein Vielfaches. Unter solchen Umständen und in einer solchen Zeit von einer erfüllten Aufgabe zu sprechen, zeugt bloss von einer bemitleidenswerten Vorstellung unserer Kultur.

Gian Fermat ist Schriftsteller und Träger des Patina-Preises 2016.

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