Liebe Elke

Elke Heidenreich, du hast es mal wieder getan. Du hast uns alle daran erinnert, was es heisst, Kritiker zu sein. Der Tagesanzeiger schrie ganz echauffiert auf, man könne sich Heidenreich nicht mehr leisten als Mitglied des Literaturclubs und die NZZ trieb es in gleicher Weise in seinem Artikel. Die Empörung war gross bereits im Literaturclub selbst und doch, ich muss es hier dir mal sagen: Elke Heidenreich! Du bist für mich der germanische Barbar aus dem Urwald und du holzt mit deiner doppelblättrigen Axt diese weichgespülten und schon längst der Dekadenz verfallenen Kritiker ab. Du breschst durch sie wie die Germanen durch den Limes. Grenzen respektieren? Pah! Eine andere Wendung für in seiner Komfortzone bleiben.

Was ist denn passiert? Du schimpfst im Literaturclub über Michelle Steinbecks Buch Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch. In einem berauschten Berserkertum reihst du abwertendes Adjektiv an abwertendes Adjektiv und Schrecken zeichnet sich auf den Gesichtern der anderen Kritiker ab, sie werden bleich ob dieser Kraft, mit der in ihren Reihen eingebrochen wurde. Man versucht noch einzuschreiten, aber du wärst nicht Elke Heidenreich, wenn dich ein leicht empörtes Schnauben bremsen würde. Weiter drehst du deine Axt und rammst sie ohne zu zögern mit einer von vermögenden Germanenhänden geführten Wucht in den Schädel des Schreibenden: «Wenn das ernst gemeint ist, dann ist die Autorin ernsthaft gestört.» Der Affront ist vollendet: Ein Kritiker zweifelt an der geistigen Gesundheit eines Autoren!

Dies also der Grund für all die Empörung über dich. Und wie es sich häufig mit empörenden Reaktionen verhält: Nicht du und deine Aussagen haben diese Empörung verdient, sondern vielmehr die Empörung über dich gehört hinterfragt. Was für eine Haltung ist es denn, einem Kritiker den Mund zu verbieten? Es gilt mir hier ein Ungleichgewicht anzuprangern: Während dem Autoren gewährleistet ist, alles zu sagen, nach dem ihm gerade der Sinn steht, weil er nunmal heilige Literatur schreibt, so schreitet man schnell und beleidigt ein, wenn ein Kritiker einmal gleichziehen möchte mit ihm. Ich werde diese Asymmetrie nicht dulden! Ein Kritiker muss genau die gleiche Redefreiheit geniessen wie der Autor, um seinen Beruf gekonnt auszuüben.

Und gerade in diesem Fall offenbart sich die Verklemmtheit, mit welcher wir dem Kritiker begegnen. Sehen wir uns doch um: Mindestens einmal in der Woche entdecke ich jemanden, den ich getrost als gestört bezeichnen würde. Sei es der homophobe Hassprediger in der Bahnhofstrasse, den wir bloss dulden, weil seine Rede wohl christlich ist, oder sei es der apathische Penner, der Laut fluchend umherläuft – gestörtes Verhalten sehe ich jeden Tag, nur zu oft gar an mir selbst. Nun aber kommt uns ein Buch entgegen, von dem klar und deutlich wird, von wem es geschrieben wurde: Mit welchem Recht kann sich der Autor der Möglichkeit entziehen, nicht mit gleichen Kategorien bezeichnet zu werden, wie wir es die ganze Zeit von Verhalten und Menschen prädizieren?

Liebe Elke ich komme zurück zu Dir und deinem Germanenmut. Es braucht Kritiker wie dich! Mach weiter auf deinem Weg: Du hast bereits gezeigt, wie du Heidegger aus dem Hinterhalt überraschend vernichtend wegzitieren kannst. Das war eine zweite Varusschlacht! Jetzt zeigst du, wozu ein Kritiker auf offenem Feld fähig ist und was ein Kritiker können muss und darf. Gib nicht auf! Der Weg bis nach Rom ist noch weit, aber wer, wenn nicht du, wird diese träge und selbstgenügsame Stadt schleifen?

Gian Fermat

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