Literarisches Colloquium Berlin, Blicke

Ich lebe in einem Sanatorium. Hier kann ich mich entspannen und erholen von den Strapazen des Alltags. Ein Hausservice steht mir 24/7 zur Verfügung. Blick auf den See, klar, ruhig, viel Sonne. Süsses Nichtstun, sehr viel davon, völlig überzuckert, Zuckerschock. Ob ich mich davon je erholen werde, ist fraglich. Immerhin gibt es einige Diabetiker in meiner Familie, sprich Leute, die sich selbst zu wichtig genommen haben. Nehmen wir vergleichsweise Christian Kracht.

Jeder männliche Protagonist in seinen Büchern ist er selbst. Ich würde lieber im Walser lesen. Die Klassiker der Literaturgeschichte: tadellos aufgebaut, immer ein Vergnügen. Warum? Einfach verdammt gut geschrieben. Genügend komplex, simpel vermittelt. Das Herz auf der Zunge, mit einer Freske am Gaumen. Götter und Dämonen springen draus hervor, als wollten sie dem Licht zueilen, dem Ausgang, dem Mund. Ergiessen sich auf den Tisch, an dem wir sitzen und sprechen. Wer hat etwas von Schreiben gesagt, wer sollte in einer Nervenheilanstalt schon schreiben, von Glauser jetzt mal abgesehen. In der Mitte steht ein Topf, alle rühren drin rum, es riecht süsslich nach Exkrementen. Dann nimmst du dir draus mit dem Schöpflöffel durchaus eine reichhaltige Portion. Das ist das, was Nizon mit Goethe «Weltliteratur» nennt. Es war an einem lauen Spätsommerabend auf der Veranda. In der Stadt ist wie immer der Teufel los, mein erstes Stück Pizza mit einer toten Fliege garniert. Ich schere mich um keinen Stil, schüre die Glut des Hasses gerne über den Kamm, mit dem ich die Schur strähle. Exzentrische eskapistische Eskapaden begleiten die Variation in der Deutschen Oper. Ich wusste schon immer: die stimmliche Gewalt ist dem Schreiben bei weitem überlegen, etwa so sehr wie das Bild dem Text. Die Mimik des Mimen ein Meme, gegenüber dem langweiligen Longread der FAZ.

Mindestens so langweilig: meine Gürtelrose. Mit ihr kam ich hier an. Wie eine Leine um den Hals, die Wunden, die der Hund davontrug, als er sich daran aufrieb. Die Wannsee-Internisten verschreiben ein Virostatikum, jetzt genese ich in der Anstalt. Auf meiner Visitenkarte steht: Language Design Wannsee. Refurbishing Society.

Immer am Montag gehen wir einkaufen. Das ist nur mit dem Auto möglich. Einige wagen sich mit dem Fahrrad auf die vierspurige Strasse im Vorort, ein Sixpack lässt sich so nicht transportieren. Der Ausblick auf den See ist so schön. Hier MUSS ich richtig viel sitzen. Gestern haben wir einen Specht gesehen. Wenn ich einen Hoodie wollte, dann einen wie dieser durchgestylte Specht. Eine grüne Jacke, weisslich gegen den Bauch, mit einer blutroten Kapuze. Getränke gibt’s im eigens dafür vorgesehenen Store: Getränkemarkt. Komm mit deinem Auto, kaufe ein, Drive-thru bei McDonalds, alles 1€, Merkel transzendiert in den Edekas und ALDIs auf dem ganzen Territorium. Wenn bloss diese Flüchtlinge nicht wären (Crashkurs: wie unterscheide ich einen schmarotzenden Flüchtling von einem reichen Touri?). Besser CDU nicht mehr wählen.

Die Gentrifizierung ist auch hier angekommen, im geistigen und politischen Zentrum der Heiligen Europäischen Union Deutscher Nation. Das war nur eine Frage der Zeit. Romantische Vorstellungen begnügen sich mit der Berufung auf das Kiez, bloss wenn die Mieten genug lange angehoben werden ist jede noch so starke Solidarität aufgebrochen.

Fluchtursachen bekämpfen, zwitschern zwitschern im goldenen Käfig. Im Sanatorium gehe ich im Pijama in die Küche, um mir Eier mit Speck zu braten. Ich versuche zwar, nicht gesehen zu werden, weil nur dann ist das Pijama an einem normalen Werktag keine Sünde. Nicht immer ist der Bediensteteneingang ein Garant für dieses shpiel.

Noch was: mein Zimmer ist nach Norden ausgerichtet. Die Nachmittage des Spätsommers verbringe ich also draussen in der Sonne. Unten am See, nach dem Spaziergang durch den englischen Garten voller Laub den Hang hinab. Bin ich im nahe gelegenen Wald, bleibe ich zwar auf dem Weg, aber nur, weil ich auf dem Fahrrad fahre. Auf dem steinernen Geländer überblicke ich den See, das Wasser, die Schiffe. Viele kleine Segelboote, zur Freizeit ausgeritten, alles gar zu bekannt. Ich bin Schweizer, am Zürchersee aufgewachsen. Ich kann die Leute, die nicht segeln können oder wenigstens ein Boot haben, an einer Hand abzählen. Alles halt wie gehabt.

Meine Halbwertszeit. Mit meinen Eltern konnte ich immer über alles sprechen, wenn ich nur wollte. Der Tod steht mir schon ins Gesicht geschrieben. Jeden Tag kann es einen treffen, dabei hänge ich doch so am Leben. Klassischer Aristoteles: wenn es einem gut geht, freut man sich auf die Zukunft. Schätze, es geht mir gerade sehr gut. Sowieso ist Fliegen sehr sicher, umso mehr auf längeren Strecken. Innerhalb Europa sollte man schon den Zug nehmen, das ist am sichersten.

Du findest alles hier zum Thema Thomas Mann. Sogar eine Geschichte fehlt. Keine Angst, die kommt schon noch. Sonntags ist Zeit für einen Segeltörn. Trotz Flaute halsen wir gewagt. Der Verticker richtet unsere Clique. Fischrestaurant echt langweilig, Fine Dining in Berlin viel besser. Noch nie hatte ich Sashimi vom Egli. Frisch gefangen und filetiert, vor meinen Augen. Klar, das hier ist der Osten, darauf hat der Westen sich damals gestürzt. Noch konnte die ganze Öde neu besiedelt und aufgebaut werden. Wer sich Land für seine experimentelle Kommune kaufen wollte, konnte das damals. Im Westen wäre es unmöglich gewesen, dermassen viel Geld für einen Landkauf inklusive fertiger Bauten aufzutreiben. Aber auch freie Liebe ist wohl eine Typenfrage. Irgendwann ist das Lotterleben beendet. Wenn die Lotterie es gut mit dir gemeint hat, hast du davor etwas Anständiges gelernt, das fängt dich auf. Heiraten. Kinder kriegen. Haus kaufen. Scheidung. Alles wie gehabt halt.

Kleistgrab, Stätte der Heiligkeit, woraus speist sich der Quell deiner Kraft? Hier hat er sich erschossen, nachdem er zuvor auf ihren Wunsch die krebskranke Geliebte Henriette Vogel tötete. Wer sagt, Sex mit dem Strap-On sei wahre Liebe, den lade ich hierher ein, die zarte Zuneigung dieses Grabes zu erkunden.

Die Kracht-Lektüre hat auch seine guten Seiten: endlich schaue ich Nosferatu und Roma, Città Aperta, Oldboy, Kusturica. Meine Nachhilfe in Filmgeschichte hat begonnen. Ich bin kein Italiener, sondern Schweizer. Meine Mutter wurde erst nach meinem 18ten Geburtstag Italienerin. Mein Onkel erzählt an Ostern bei Torta Pascualina von der norditalienischen Patrizierfamilie, die später ins Puschlav auswanderte. Persönlich habe ich von dieser Abstammung nicht viel mitbekommen. Ausser, dass ich des nachts im Traum vor einer Marienstatue hinknie und mich bekreuzige, obwohl ich Kirchen nur aus kunsthistorischem Interesse besuche.

Unterdessen wird in Zürich unseren Keller eingebrochen. Zielsicher entwenden die Diebe mein Sportabzeichen des Schweizer Militärs. Auf Nachfrage lacht der Ausbildner in Rüti, ZH nur: «2009, das ist zu lange her. Pech gehabt.» Die Einheit kostet 0.10 €, zuerst die Null drücken. Neue Worte für neue Formen. Neue Normen für neue Formen.

Das hier ist kein Erfahrungsbericht, sondern eine Beichte. Eines Serienmörders des Satzes und des Satzbaus. Der Gedankengänge und Kohärenz, der Dramaturgie eines Prosatextes. Wer ahndet all die Übertretungen? Wer stellt mir die Busse aus? Ich fahre mit dem Velo auch bei rot über die Kreuzung, wenn die Fussgänger grün haben. Kein Grund, ein Exempel zu statuieren. «Wenn Sie ihren guten Überlegungen bloss Struktur geben würden». Kleiner Scherz, das ist die Meinung einer Minderheit. Meistens bin ich gar nicht so experimentell und scherzhaft sprunghaft, meist erniedrige ich mich gar nicht selbst für einen kleinen Lacher. Meistens bin ich ein respektiertes Mitglied der Gesellschaft, meistens werde ich gar nicht von meinen Freunden hintergangen und verraten. Meistens sprechen die Leute nur Gutes über mich. Meistens werde ich nicht gehasst.

Kracht jetzt halb durch, es wird besser. Thom Luz‘ Inszenierung Der Mensch erscheint im Holozän im Deutschen Theater war genauso reduziert und akribisch stilvoll, dass wie im Nō die Geister anwesend waren (S. 103).

Wie brav ist das denn, den Aufbau des eigenen Buches zu erklären? Immerhin war Chaplin lustig und im zweiten Teil ging es voran. Der erste war trotzdem eine Qual. Ich überlegte mir oft, warum ich stattdessen nicht einfach Walser lesen sollte.

Wannsee. Schön ist es hier. Schnell kriegt man einen Koller. Immer in diesem Haus, immer in diesem selben Zimmer. Selbst das Café auf der anderen Strassenseite verliert seinen Reiz nach dem vierten Veggieburger in der Woche. Aber so viel Zeit, alte Rechnungen zu begleichen und zu stellen. Endlich ein bisschen Raum, ein Büro aufzumachen. Stress ganz ohne Grund. Ach ja, die Revue-Show fremder Verfehlungen, die man am eigenen Leib erfuhr und für die man einen Schuldschein ausstellte. Charakterloses Verhalten, das man hinnahm und nun durchs Fegefeuer schicken muss, damit brauchbarer Stahl draus hervor geht.

Charakter, Integrität, das sind Worte, die auch Hillary Clinton in der zweiten Präsidentschaftsdebatte hätte benutzen sollen, aber sie konnte nicht, wegen ihrem Mann und wahrscheinlich auch wegen ihrem eigenen Verhalten. Es wäre ihr zurück ins Gesicht geschleudert, wie the shit hitting the fan. The perks of a good chair: habe gerade herausgefunden, dass ich die Lehne nach hinten kippen und feststellen kann. Wenn ich das schreibe, muss ich wieder lachen, weil es so banal ist, aber den Schreibkomfort durchaus sehr erhöht. Generell muss ich beim Schreiben lachen, wenn ich weiss, dass sich alle darüber aufregen werden.

Im Zentrum meiner Forschung steht das Gedicht. Deswegen ist meine Prosa so schlecht. Das hier ist nur ein Nebenprodukt, der toxische Abfall meiner atomaren Experimente. Ich schreibe das, um meinen Dieselmotor wieder zum Laufen zu bringen. Der verlässliche Allradantrieb, der selbst in unwegsamen Gelände vorankommt. Den stelle ich in die Auffahrt meines Einfamilienhauses (wo es mir ist, als ob ich dich von Zeit zu Zeit über die Haustüre treten sehe). Das Ziel ist allerdings der Quantensprung; auf dem ich reite in die weite Galaxie. Das nuklear angetriebene Raumschiff, mit dem ich die Dimensionen durchschreite. Jetzt wurde ich schon wieder beim Schreiben unterbrochen. Tagelang ruft mich niemand an, aber sicher immer dann, wenn ich gerade einen neuen Absatz angefangen habe. Den Faden habe ich jetzt verloren. Kein Wunder bei meiner kurzen Aufmerksamkeitsspanne! Deswegen schreibe ich Gedichte und keine Romane.

Es interessieren sich sowieso alle nur für Prosa. Lyrik ist ein Nischenprodukt. Das ist so wie bei der Mathematik: studiere Statistik, um Geld zu verdienen, und theoretische Mathematik, um ein staatlich bezahlter Nerd zu sein. Lyrik ist die Erkenntnisphilosophie der Literatur.

Täglich löse ich komplexe Gleichungen, um die Auflösung meiner Gedichte zu verbessern. Es scheint gerade so, als hätte ich eine Barriere erreicht. Noch detaillierter? Dazu fehlt mir die Ausrüstung. Ein bis zwei Megapixel schaffe ich noch. Es geht auch darum, das Detail im Grösseren zu verorten, sagte ein Fotograf in einem arte-Biopic. Das nehme ich mir zu Herzen. Sowieso bin ich auf der Höhe meines Könnens. Noch besser kann ich gar nicht werden. Ich kann es mir zumindest nicht vorstellen. Von hier an geht es nur noch abwärts.

Nach Kracht lese ich Dante. Endlich wieder zurück in den Kanon! Das Buch ist besser als sein Ruf: es ist ganz und gar nicht langweilig. Es folgen Szenen, die an Game of Thrones erinnern oder umgekehrt. Die Hölle ist ja von gequälten Seelen und dämonischen Kreaturen bevölkert. Das gibt einiges her. Ausserdem lerne ich einen neuen Spruch: deine Gegner im Leben in die Hölle zu verbannen. Ein cleverer Handgriff, um ihre Verbrechen zu ahnden. Griechische Ethik ist sehr präsent, aber wer kann dem Aristoteles schon grollen. «Ein klassisches Lehrstück, geschmückt mit actionreichen Szenen» (Lexikon des internationalen Films).

Carlo Spiller


Das ist ein Beitrag zum Mythos Berlin. Früher im delirium:

Das eine und das andere Berlin (Laura Basso)
Editorial N°01 (Fabian Schwitter)

 

 

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