Fair-Trial

Es gibt ein Verfahren für diesen Ablauf. Du liegst in einem leeren Raum mit Boxen und Bahre. Die ist nicht ganz horizontal, die ist leicht abgesenkt. Dein Kopf liegt zehn Zentimeter tiefer als die Füße. Cellophan auf Deinem Mund, meine weißen Finger nähern sich. Du atmest ein, als ich mich langsam zu Dir herabbeuge. Und ich drehe den Hahn auf, auf dass es fließt wie das Geld. Ins Verließ dieser Welt. Auf dass es sprießt: Finger, und Fortified Foods, wieder im Feld. Frag nicht. Sagen wir das ist Wasser, das sich ergießt wie die Barmherzigkeit der Höherstehenden über die Schwachen, Schaum, das Bibbern, Getreide und flatternde Lippen, leg Dich hin, schau nicht so sag es ist nicht meine Schuld, dass die Dinge sich so darstellen, wie Du sie siehst.

Noch stehe ich im Warteraum und warte auf die Kollegin. Ich kann mich kaum sehen. Das liegt nicht am schiefen Spiegel, den ich nun in die Vertikale rücke. Das liegt am Eiter. Durch die Flecken dieses Exsudats hindurch betrachte ich mein Gesicht. Und denke an Dich. Ob Du sprichst?
«Mensch, was soll ich sagen…?»
Das geht glaubhafter, denke ich. Ich versuche, den Spiegel mit dem Ärmel zu reinigen. Das Glas verschmiert, dennoch gelingt es mein Antlitz weiter freizulegen. Ein paar Male drehe ich mich. Betrachte mich. Denke an Dich. Es ist schon eine Zeit her, dass ich Dich verlassen habe. Sicherlich drei Tracks. Sicher liegst Du schon bereit. Oder sitzt bereit, wartend, dass ich komme. Für Stille sorge.
«Mensch, schön, dass wir uns mal wiedersehen!»
So ist es glaubhafter, vielleicht. Ich gehe näher an das Glas heran. Überprüfe noch die Zwischenräume meiner Zähne auf Algenreste. Dann kann ich zu Dir gehen
Alles, was dann kommt ist weitestgehend geregelt und schon wiederholt durchexerziert worden. Taktisch agieren, transformieren, Tiervergleiche. Titelerlangung, in irgendwelchen Zeitabständen.
Aber alles das ist mir zuwider. Ich will das nicht weitermachen. Ich will Dich hier nicht mehr haben. Als vor fünf Jahren der Ascheregen kam war das alles nicht abzusehen. Hättest Du mir damals gesagt, dass wir uns heute unter diesen Umständen wieder treffen, Ich hätte es nicht geglaubt.
Und doch; jetzt stehe Ich vor diesem eiterbefleckten Spiegel, begutachte mich selbst…  Rücke zwecks Verwaltung meines Geltungsbedürfnisses das Kleid irgendeiner Verantwortung zurecht und frage mich, was Ich überhaupt zu Dir sagen soll. Wenn ich gleich zu Dir zurückkehre, gehorchst Du. Wenn Ich einatme, senkst Du den Kopf. Wenn ich mit dem Finger schnipse, legst Du Dich flach hin, wenn…

Immer wenn wir nach draußen treten liegt dort alles gänzlich offen und klar: Tagesziel Graph zeichnen, Treffpunkt Terrasse, rissige Felsformation.
Ich stehe hinter Dir. Der Kerzenschein wirft wacklige Striche auf Deine Haut, Schatten betanzen das Gummi. Du sitzt, hast mir den Rücken zugewandt. Dein Kopf liegt irgendwo unter einer Haube. Diese Lappen, diese Extremitäten, dieses glänzende Gewächs, Dein Genick… Das Holz endet auf Schulterhöhe. Was unterhalb der Schultern ist, kann ich nicht sehen, denn die Lehne des Sessels verdeckt es.
Der Wind schiebt, Wellen ziehen. Du fragst:
«Wurfweiten berechnen, weißt Du wie das geht?»
Ich weiß nicht, was Du von mir willst. Trete langsam neben Dich. Angestrengt blickst Du auf einen Punkt im Dunkeln jenseits des Geländers, jenseits der Terrasse. Beißt auf einen Ast.
«Zu welchem Zweck?»  frage ich vorsichtig. Denn ich will Dich nicht beunruhigen. Blicke auf Dein Genick. Auf die Haube, die Lappen, dieses glänzende… Du weißt, dass ich nur auf Dein Einverständnis warte.
Du lässt deine Hand auf der Armlehne rasten und ich erkenne, was Du in ihr hältst: Einen Ast aus der Gattung der Kreuzblüterartigen. Vom Speichel schon recht aufgeweicht, fasrig. Ich erkenne auch, was Du mit Deiner Zunge machst. Du rollst sie zu einem kleinen Tunnel und spuckst. Du spuckst Späne in die Dunkelheit.
«Mist!» schnaubst Du, siehst mich an. Deutest mit dem Finger ins Dunkle und erklärst:
«Na, wenn wir das berechnen könnten, dann wüsste ich genau wie stark ich spucken muss, um das Glas zu treffen. Dann könnten wir dir Späne vielleicht upcyceln oder zumindest wieder verwenden. Schau, ich habe dort hinten ein Glas aufgestellt.»
An das Geländer trete ich. Einige zehn Meter von der Terrasse entfernt, kurz vor dem Abgrund, hinter dem weiße Kronen wandern, steht das Glas.
«Ich könnte die Späne natürlich auch einfach hier sammeln, ohne zu spucken…“ seufzt Du, rollst Deine Zunge und spuckst. „Aber ich habe Dir das ja schon mal erklärt, oder? Ich muss meine Zungenmuskeln trainieren…»
Wüsste ich nicht, dass Du mich nach Belieben zwangsernährst wie sie es mit Gänsen tun, würde ich Dir jetzt widersprechen. Doch ich weiß es. Du fährst fort:
«Ich muss unbeeinträchtigt sprechen können.»
Du hast Dich umgedreht und siehst mir in die Augen, betonst: «Ein Mensch muss sich doch artikulieren!»
Ich weiß es. Ich kenne den kalten Druck eines Schlauchs in der Speiseröhre, kenne den Brechreiz, schweige. Blicke nur begierig auf Deinen Nacken. Deine Haube, die Haut. Du spürst es, holst endlich den Stab heraus.
«Aber lass uns nicht nur von mir reden», sagst Du und schüttelst Dich, sodass alle Lappen flattern. «Willst Du mich heute nicht zeichnen?», fragst Du. Dann erhebst Du Dich von Deinem Sessel, stellst Dich am Geländer auf. Hebst den Arm, legst eine Achsel frei. Und deutest schliesslich auf den Stab.
Ich zittere, greife ihn endlich. Der Kerzenschein wirft Striche auf Deine Brust, Deinen Bauch, Deinen gesamten Körper. Vögel fliegen über den Unterstand. Du drehst Dich, blickst hinterher. Und die Lappen in deinem Genick beginnen, sich zügig im Wind zu bewegen, auf den Rücken zu schlagen.
Ich greife den Stab, er zittert. Es ist schon lange her, dass wir uns das letzte Mal sahen. Es gibt so viel zu ernten. Ich denke an das Gefieder der Flugtiere und setze schließlich ruhig den Stab an. Das Skalpell dringt in die Haut, die Lappen, die Haube, Dein Genick. Das ist kein Holzrumpf, doch darunter glänzt alles, das weiß ich! Ich brauche nicht zu schauen. Ich spüre schon das schimmernde Weiß, das klebrige… Tritt aus dem Untergrund, quillt empor, zieht Fäden. Ich ziehe nur Striche, it´s bewege den Stab. Erst zuckst Du. Dann gibst Du Dich meinem Messer hin it´s wie nach und nach die Situation meinem Souveränitätsanspruch. Dazu stellst Du Fragen. Welche Farben?
Ich, vermummt, spucke Phrasen, it´s muss sagen: ich pendle mich langsam ein. Ziehe mit dem Stab Striche in Deinen Nacken, von links nach rechts it´s, da quillt das Weiß, da wiege ich mich, da setzt bald ein meditativer Prozess ein, den sich so mancher von teuren Stressabbau-Seminaren erhofft, da seziere ich Fäden aus Deinem Genick und rolle sie auf eine Spindel während Du dazu im Takt schnippst, it´s, sprichst: it´s it´s been a long time I shouldn´t have left you / without a dope beat…
Es fliegen Vögel vorbei, doch Du regst Dich nicht. Diese Insel ist eine Brutstätte doch unweit unserer Terrasse lässt sich kein Tier nieder. Du sagst: «Ich bin so gespannt darauf, es zu sehen, wenn Du erst fertig bist…»
Ich schmunzle und spucke Phrasen. Die Vollendung, das Werk, die Präsentation. Das Profil. Ich nehme andauernd Auskiesungen vor, das ist richtig. So wie ich jetzt die anmoorigen, aus Deinem Genick wuchernden Extremitäten anhebe, wie ich den Stab ansetze, das schimmernde Weiß mit Vorsicht freilege, anhebe, aufrolle…
Aber Du sprichst, als säßen wir auf einer toskanischen Veranda und malten mit Öl – Zypressen auf einer Leinwand. Hier der feurig-rote Himmel, dort das gelbe Landhaus inmitten der bewaldeten Berglandschaft. Du sprichst, als ginge es tatsächlich um den Piniengeruch, den Oleander, die gleißende Sonne.
Und nicht vielmehr um Dunkelheit, weitestgehend unerforschte Kreaturen, den Ozean, Kabel auf dessen Grund. Du sprichst als wären wir nicht im Exil, als säßen wir nicht hier fest, auf dieser Insel aus zerklüftetem Fels und Vögeln, fortwährend unter Beobachtung. Fragen kannst Du. Ich würde Dir auch gern mehr erzählen. Aber dieser Kanal ist nicht sicher. Und alles was ich sage oder schreibe wird in der Folgezeit gegen mich verwendet.

Sebastian Luz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: