Denk nicht, sondern lies! (Eine Kritik zu „Schlingen“)

Eine Kritik zu Samuel Prenners Kritik Schlingen und János Mosers Erzählung Der Leopardenmeister.

Habe ich etwas missverstanden, oder geht es in einer Literaturkritik nicht eigentlich darum, sich mit einem vorgegebenen literarischen Text – in diesem Falle mit János Mosers Leopardenmeister – auseinanderzusetzten, ihn zu interpretieren, zu loben oder auch zu verreissen? All das kommt in Prenners Ausführungen deutlich zu kurz. Anstatt sich mit dem fantastisch angehauchten Text über einen rauchenden Iraker, der eigentlich eine Raubkatze ist, und einen prüden Zürcher Zoo-Mitarbeitenden, zu befassen, kümmert er sich um Namedropping und verheddert sich in komplexen, versuchsweise humorvollen, verwirrenden Sätzen. Lieber diskutiert er die Literaturkritik als solche, missbilligt die Methode des Close Reading und verweist auf andere literarische und nichtliterarische Texte von Moser. Dieses ganze Trallala soll den Schlüssel zur zu besprechenden Erzählung liefern? Mit diesen intertextuellen Verweisen kann Prenner zwar seine Schlüsse ziehen – die soweit auch nachvollziehbar sind – doch der Leopardenmeister gerät völlig in den Hintergrund.

So möchte ich in diesem Zusammenhang das Konzept dieses Magazins kurz hinterfragen: Alle literarischen Texte im delirium müssen sich auf einen bereits in vorherigen Ausgaben des Heftes erschienenen beziehen. Welchen Sinn hat das? Soll es dem eingeschworenen, wohl doch eher kleinen Kreise der delirium-Leserschaft ein gutes Gefühl geben, wenn die Referenz entschlüsselt werden kann? Soll es für die Schreibenden eine besondere Herausforderung darstellen? Welchen Mehrwert hat das? Diese Fragen führen mich zu zwei Gemeinsamkeiten  von Prenners Vorgehen und der Grundidee des Heftes: beide setzten ein meines Erachtens unnötiges Vorwissen voraus, und beide lenken vom Eigentlichen, den Geschichten von jungen Autorinnen und Autoren, ab.

Zwar bin ich, wenn ich seiner Vorgehensweise folge, mit Prenners Interpretation des Verweises im Leopardenmeister auf Blisters gänzlich einverstanden, doch finde ich sie nicht wirklich gewinnbringend für die Betrachtung der aktuellen Geschichte. Vielleicht liegt mein Unverständnis für sein Vorgehen auch daran, dass wir beide uns bezüglich der Methodik zur Interpretation von Literatur schlicht nicht einig zu sein scheinen. Denn während er das Close Reading völlig ablehnt, befürworte ich es und lehne wiederum seinen Ansatz, der durch ein immenses Vorwissen geprägt und beeinflusst ist, ebenso ab. Dies vor allem, weil es eine verblendete Art ist, sich einem solchen Text anzunähern. Denn was Prenner im Leopardenmeister wirklich gesehen hat, das kommt nur an vereinzelten Stellen ans Licht.

Ich finde, es wäre durchaus berechtigt, sich in einer weitergehenden literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung einem solchen Wide Reading anzunehmen und sich mit den unterschiedlichen Ausprägungen der Intertextualität in Mosers Leopardenmeister zu beschäftigen. Doch ich bin auch und vor allem der Meinung, dass gerade wenn man sich im nicht wissenschaftlichen Umfeld mit Literatur beschäftigt, man sich als erstes die Frage stellen soll, was denn eigentlich in der Geschichte geschieht, was man in ihr sieht, warum sie einem gefällt oder eben nicht. Das Erleben und Äussern von Gefühlen, die durch die Lektüre evoziert werden, das im akademischen Kontext berechtigterweise keinen Platz hat, könnte doch genau in einem Format wie dem delirium stattfinden.

Dies soll also ein Aufruf dazu sein, nicht jeden rezipierten Text gleich mit anderen gelernten Dingen zu verknüpfen und Theorien darauf anzuwenden, sondern einfach zu lesen, zu geniessen oder sich zu empören, ein Aufruf die vielschichtigen Geschichte des Leopardenmeisters zu verschlingen, ohne dabei an Schlegel, Hegel und Mann zu denken. Sich dem Leseerlebnis hinzugeben, und zu schauen, welche weiteren Ebenen sich bei mehrfacher Lektüre auftun und sich schliesslich ein eigenes Bild vom Text zu machen.

Und um noch in prennerscher Manier zu schliessen, frei nach den Worten Wittgensteins: «Denk nicht, sondern lies».

Katja Büchi

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