„Von der Müdigkeit, die hereinfällt, so unweigerlich wie die Dämmerung“ – Zu den 41. Klagen der deutschsprachigen Literatur

Also. Wenn man sich die Porträts der Autor* des diesjährigen Bachmannpreises anschaut, möchte man ­– stopp halt! Bevor du weiterliest, musst du wissen, wie dieser Text klingt. Also wie er in deinem Kopf klingen soll. Vergiss mal die Stimme in deinem Kopf, die dir sonst jedweden Text in deinem schönsten Bundes-Bühnen-Deutsch ins Innenohr wispert. Neinnein, die Stimme brauchst du hierfür nicht. Stell dir das urchigste, helvetischste, allemannischste Kuhdeutsch vor. Holpriger als ein Bergweg. Heimeliger als eine SAC-Hütte. Hast du die Stimme im Innenohr? Falls es nicht ganz geklappt hat, dann schau dir doch Urs Mannharts Video an. Der Urs, der macht das ganz schön vor. Ich glaube für so ein astreines Kuhdeutsch muss mann hart arbeiten. Nun aber genug gekalauert und weiter im Text.

Eigentlich wollte ich über die Porträts aller Autor* schreiben. Eigentlich. Aber ich bin bei Urs Mannhart steckengeblieben. Ich zwinge mich nun zu einem kurzen Exkurs über eine andere Autorin (denn jemand hat mir mal gesagt, ich solle mich nicht so manisch auf die negativen Dinge in meinem Leben konzentrieren).

Im besten Fall sind diese Porträts positive Selbstinszenierungen. Schaut man sich Maxi Obexers Video an, ahnt man, dass Schreiberlinge auch über ihre vier weissen Kanten hinausschauen können und sich ihrer Selbst und dem Medium, das sie gerade verwenden, bewusst sind. In einem solchen Fall wird das peinliche Format des (Selbst-)Porträts zu einer weniger peinigenden als erhellenden Selbstdarstellung. Obexers multiple Persönlichkeiten schauen zu Ende des Porträts süffisant in die Kamera. Kein Wunder, denn ihr Vorhaben ist gelungen: Die Autorin zeigt ihre Intelligenz, ihr Engagement und ihren Witz.

Nun bin ich aber in Gedanken schon wieder bei Mannhart. Als wäre ich eine Kuh, die ausbüxen will und Mannharts Porträt ist ein Maschendrahtzaun mit ungeheuer deftigen Stacheln, an denen es kein Vorbeikommen gibt. Wo Obexer über ihre vier weissen Kanten schaut, baut sich Mannhart ein Reduit. Das Porträt muss von Mannhart sein, es findet sich kein sonstiger Name, der für das Desaster in Verantwortung gezogen werden könnte. Mannhart wirft in seinem Selbstporträt so inflationär mit klischierter Schweizer-Berg-Bauern-Heimat-Nostalgie um sich, dass einem so schlecht wird wie nach einem Fondueabend. Und geworfen wird mit allen Mitteln: Ob auf Tonebene (Männerchörli), Bildebene (wo soll ich anfangen? Bei der Schweizerflagge? Beim Pflug [welcher Betrieb pflügt denn heute noch mit einem Pferd? Sind diese Tiere nicht ausgestorben?] Bei den 58 Kühen? Bei der Abendstimmung? Bei den grossen Kinderaugen?), bei der Kameraarbeit (unscharfe Laubblätter im Vordergrund) etc. Für unser aller Wohl vervollständige ich die Liste nicht.

Aber Mannhart rennt ja nicht nur einem untergegangenen Männerbild hinterher, sondern schreibt auch noch. Man vergisst es fast, über so viel Beschaulichkeit (ja, weshalb sollte denn einer, der so viel Schweizheit in sich trägt, auch schreiben müssen, um die Schweiz an einem Literaturwettbewerb zu vertreten?). Wie uns gesagt wird, ist Mannharts Schreibpraxis gerahmt von der Arbeit und von der Müdigkeit. Mannhart erinnert unweigerlich an einen Teenager, der larmoyant erzählt, dass sein Lieblingshobby (Paintball) zwischen Schule und Aufgaben kaum Platz habe.

Über sein Literaturverständnis versagt jedoch selbst mir die fiese Feder. Vor jemandem, der sagt, dass die Literatur „dann doch sehr weite Flügel“ habe, kann ich nur stumm das Haupt senken.

 

Dominik Holzer

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