Über Postrock – Die Playlist

Das ist die Playlist zum Aufsatz «Über Postrock», den ich fürs delirium N°09 geschrieben habe, und ist als extrakurzer und anmassender Einblick für all diejenigen gedacht, für die Postrock neu ist. (Und ja, Postrock ist Vorzukunft: er ist immer neu in seinem greisenhaften Selbstmitleid.)

Die Auswahl folgt mit einigen Ausnahmen dem Essay.

Diese Playlist gibt es auch auf Spotify.

1. «Don, Aman» – Slint

Spiderland ist der trügerische Anfangspunkt des Postrock: Zu perfekt wäre diese Kinderband aus dem Niemandsort Louisville, Kentucky, zu perfekt die ganze Düsternis und Verlorenheit eines solchen Anfangs. Aber der Mythos ist künstlich und retrospektiv. Wie jeder Postrockhörer habe ich ihn hörend aufgebaut (nachgebaut, könnte man sagen): Spiderland gehört zur Essenz von Postrock.

2. «Scotland’s Shame» – Mogwai

Mogwai ist eine der bekanntesten Postrock-Bands, dazu tragen auch ihre kurze Stücke bei. Ihre Register sind verblüffend, aber alle tragen eine Gemeinsamkeit: Stücke beginnen leicht und werden immer komplexer verschichtet. Obwohl hier Vieles nennenswert wäre, der Klassiker „Friend of the Night“, das Paradebeispiel von «traversing the vast gulf between quiet and loud»: „Christmas Steps“, das beste Voice Sample von Iggy Pop aller Zeiten: «Punk Rock», so bleibt für Postrock-Fans vor allem das Album «The Hawk is Howling» der Höhepunkt ihrer Karriere.

3. «East Hastings» – Godspeed You! Black Emperor

Man kann sich kein Urteil bilden, man darf eigentlich nicht über Postrock sprechen, wenn man nicht wenigstens ein ganzes Lied von GY!BE gehört hat. East Hastings ist dabei mein persönlicher Favorit – ein Teil dieses Lieds (auch bekannt als «The Sad Mafioso») wurde im Film 28 Days Later verwendet.

Wer trotzdem abkürzen will: ab Minute 4:30 gibt es einen der schönsten Steigerungsläufe der Postrock… – geschichte? – Postgeschichte!

4. «Esperanza» – Rachel’s

Eine Band, die um Rachel Grimes entstanden ist, ebenfalls aus Louisville und bei Slint involviert. Hier sind die Grenzen zu Minimal Music von Philipp Glass, Steve Reich und anderen fliessend. Der klassische Arm des Postrock streckt sich weit, bis zu Esmerine und Saltland – alles, wie das meiste des Postrock, aus dem Gefolge des kanadischen Labels «Constellation Records».

5. «Kinetic Work»– Hangedup

Ein Titel, der hält, was er verspricht: Non-Rock wird nicht nur erreicht, indem Rhythmen, Gesang und eitle Kurzweiligkeiten gekillt werden, auch umgekehrt lassen sich klassische Instrumente an das körper- und gesangslose des Riffs annähern und Rock aushebeln, aber unter Aufwendung von Bewegungsenergie. Nirgendwo ist das so schön und körperlich zersägend wie im Geigenriff von Hangedup, bei dem der Schweiss aus den Lautsprechern spritzt.

6. «Grab a Fork Micron» –  The Coma Lilies

Die nächste verschwundene Teenieband. Die Rede ist von Auftritten an Battle of the Bands, von Teenagern, aber alles lange vor ihrer Entdeckung. Auf ihren einzigen Alben: ein Demoalbum, ein reguläres (und eine sich fast gänzlich überschneidende EP), hört man so gut wie nirgends, wie stark Postrock auf den Rhythmus angewiesen ist.

…bis das ohnehin irre Schlagzeug zwischen Minute 4:00 und 4:08 vollständig austickt.

7. «Michael Collins Autograph» – The Samuel Jackson Five

Wenn sich Rhythmus dann ganz aushebelt haben wir ein Autogramm. Verbrochen haben das diese Norweger: pathetisch und aus den Fugen; Schneenächte!

8. «The Image Game» – LITE

Die japanische Band LITE ist die Pionierband schlechthin, die Postrock und sehr schwierigen Mathrock vereint hat. Zu verdanken ist das auch einem ausserirdischen Bassisten. Ich habe „The Sun Sank“ erwähnt, das beweist: auch 5/4-Intros mit Synthies fügen sich in Anti-Progrock. Das hier integrierte „Image Game“ ist in seinen verschobenen Rhythmen aber fast noch radikaler.

9. «Inventions» – Maserati

Rockinstrumente können auch digitale Musik imitieren. Mit ihren auf Geschwindigkeit getrimmten Läufen machen Maserati, was man von einem Namen wie Maserati bestenfalls erwartet: Geschmeidigkeit und spacigen Sog.

10. «Nostalgia» – Mono

Macht dieser Song nostalgisch? Oder arbeitet ermit einem viel stärkeren Gefühl, das über Nostalgie reflektiert?

11. «Horripilation» – Do Make Say Think

Und wie gesagt, es spielt keine Rolle, wann die Dinge erscheinen: Diese Gitarrenschönheit ist von 2017 und trotzdem dürfte es sie immer schon gegeben haben.

12. «The Murder/Victim Monologues» – The Seven Mile Journey

Absoluter Purismus; Postrock nur noch auf das Sehnen reduziert; scheinbare Monotonie, die ständig vorwärtspreschen möchte und sich zurückhält; präzise doch nachgibt; aufsteigt; absinkt.

Ja, die beste Band.

 

 

Cédric Weidmann

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